Gute Erziehung oder Zwang: Müssen Kinder wirklich die Hand geben?

Eltern sollten erzwungene Berührungen für Kindern vermeiden.

Es klingelt an der Tür. Großonkel Paul steht davor. Er will die Familie, die ihn in Empfang nimmt, begrüßen. Ein Küsschen für die Mutti, ein Handschlag mit Papa. Doch als er die kleine Nichte spielerisch in die Wange kneifen möchte, dreht sie sich weinend weg. Andere Kinder reagieren auf nicht gewollte Berührungen bockig, weichen zurück oder werfen den Eltern einen Hilfe suchenden Blick zu. Speziell Fremde oder ferne Familienangehörige lösen in ihnen Unsicherheit oder Angst aus. Das kann natürlich auch bei nahen Verwandten vorkommen, wenn Oma und Opa ihr Enkelkind drücken wollen oder dieses garkeine Lust verspürt „Guten Tag“ zusagen und auch noch die Hand zu geben.

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Brauchen alle Kinder Berührungen als Zeichen der Zuwendung?

Für uns Menschen sind Berührungen essenziell. Sie vermitteln uns Geborgenheit und Nähe. Teilweise suchen Kinder mehrmals täglich Körperkontakt. Sie wünschen sich Streicheleinheiten von den Eltern oder den Großeltern. Ebenso kommt es vor, dass die Sprösslinge sich gegenseitig körperliche Nähe spenden. Jedoch braucht nicht jedes Kind das gleiche Maß an Berührungen. Florian Heinen arbeitet am Haunerschen Kinderspital der Universität München. Als Chefarzt für Neuropädiatrie und kindliche Entwicklung unterteilt er den Nachwuchs in „Cuddler“ und „Nicht-Cuddler“.

Erstere kuscheln viel. Sie schmiegen sich mit Begeisterung in Deine Arme. Nicht-Cuddler brauchen weniger körperliche Zuwendung. Unter Umständen empfinden sie Berührungen als unangenehm und aufdringlich. Dieses Verhalten lässt keinen Rückschluss auf ihren Charakter oder die Entwicklung zu. Weicht ein Kind vor einer Berührung zurück, sollten Erwachsene diesen Rückzug akzeptieren. Beispielsweise wünscht der Nachwuchs keinen Körperkontakt, weil:

  • das Gegenüber ihm unsympathisch ist,
  • er die andere Person nicht kennt und sich unsicher fühlt,
  • er schüchtern ist.

Erzwungene Berührungen wirken sich negativ auf Beziehungen aus

Für eine vertrauensvolle zwischenmenschliche Beziehung gilt es, erzwungene Berührungen bei Kindern zu vermeiden. Zwingst Du einem Kind Körperkontakt auf, dringst Du in seinen persönlichen Bereich ein. Der Nachwuchs fühlt sich verletzbar und wehrlos.

Die Erziehung der Sprösslinge verbietet es, dass sie sich körperlich zur Wehr setzen. Zusätzlich kommunizieren sie ihr Unbehagen nicht. Der Grund: Lehnen Kinder eine Berührung – beispielsweise bei einer Begrüßung ab – empfindet unsere Gesellschaft dies als unhöflich. Aber gehört das „Hand geben“ eigentlich wirklich zu gutem Benehmen bei Kindern?

Dementsprechend riskieren die Kinder Schelte der Eltern. Um das zu vermeiden, akzeptieren sie die nicht erwünschte Berührung widerwillig.

Bemerkst Du, dass sich Dein Kind bei Körperkontakt mit einer anderen Person versteift, solltest Du es aus der Situation befreien. Gleiches gilt, wenn es das Gesicht abwendet oder verzieht. Um das Gegenüber nicht vor den Kopf zu stoßen, sorgst Du beispielsweise für Ablenkung. Währenddessen schirmst Du Deinen Sprössling körperlich ab oder gibst ihm Zeit, sich zu beruhigen.

Versuche Dich in die Rolle Deines Kindes zu versetzen. Wie fühlst Du Dich bei einer ungewollten Berührung? Als Erwachsene wahren wir Abstand zu anderen. Missfällt es uns, wenn eine andere Person uns anfasst, fliehen wir aus der Situation. Alternativ bitten wir sie, den Körperkontakt zu unterlassen.

Die Mehrzahl der Erwachsenen gibt Kindern diese Freiheit nicht. Sie akzeptieren es als gesellschaftliche Normalität, dass andere Menschen dem Nachwuchs über den Kopf streicheln oder ihm die Wange tätscheln.

Besteht für das Kind keine Möglichkeit, der ungewollten Nähe zu entfliehen, zieht es sich in sich selbst zurück. Es vermeidet den Blickkontakt mit seinem Gegenüber. Unter Umständen verkrampft es den Körper. Viele Sprösslinge wenden sich in unangenehmen Augenblicken ihren Eltern zu. Sie erwarten von ihnen Hilfe. Reagierst Du nicht auf diese Anzeichen, leidet unter Umständen die Eltern-Kind-Beziehung. Dein Sprössling lernt, dass Du eine für ihn abschreckende Situation akzeptierst.

Wie kannst Du erzwungene Berührungen bei Kindern vermeiden?

Unter Umständen fällt es schwer, das Unbehagen eines Kindes bei unerwünschten Berührungen sofort zu erkennen. Aufgrund der gesellschaftlichen Normen zeigen die Sprösslinge ihren Unmut nicht offen. Bemerkst Du, dass Dein Kind bei einer Berührung das Gesicht verzieht oder sich versteift, solltest Du es nicht rügen. Sprich es in einem ruhigen Moment auf sein Verhalten an. Dabei begegnest Du ihm mit Verständnis und Rücksicht.

Beispielsweise teilt Dir Dein Kind mit, dass es die Umarmungen der Nachbarin nicht mag. Oder es empfindet das Kopftätscheln von Deinem Arbeitskollegen als unangenehm. Eine nicht erwünschte Berührung empfinden Menschen als ein Eingriff in die Privatsphäre. Betroffene fühlen sich ausgeliefert. Bei Kindern spielt die Wehrlosigkeit eine Rolle. Sie können dem Körperkontakt nicht ausweichen oder ihn ablehnen.

Um Deinem Nachwuchs zu helfen, stehst Du ihm in diesen Situationen bei. Bemerkst Du, dass das Gegenüber zu einer unerwünschten Berührung ansetzt, gehst Du dazwischen. Alternativ bringst Du dem Nachwuchs bei, sofort die Hand zum Gruß auszustrecken, um die Distanz zu wahren.