U1-Untersuchungen nach der Geburt » Das erwartet Dich und das Baby

Die erste Untersuchung nach der Geburt eines neuen Erdenbürgers ist mit die wichtigste in seinem Leben. Schon im Kreissaal überprüft man des Babys Gesundheitszustand im wahrsten Sinne des Wortes auf Herz und Nieren. Auf diese Weise ist sichergestellt, dass die Ärzte auf gesundheitliche Beeinträchtigungen sofort und umfassend reagieren können.

Autor: Dr. rer. medic. Harald Stephan ist Doktor der Gesundheitswissenschaften

Wir erklären Euch, was es mit U1, APGAR und den ganzen Untersuchungen auf sich hat.

Du erfährst was Euch als Eltern nach der Geburt erwartet und welche Untersuchungen nach der Geburt im Krankenhaus durchgeführt werden.

U1 Untersuchung nach der Geburt im Krankenhaus
U1: Die erste Untersuchung nach der Geburt Copyright: famveldman bigstockphoto

 

Geburtsanamnese, Familienanamnese, Körperliche Untersuchung beim Baby

Bei Kindern bis zum sechsten Lebensjahr sind insgesamt zehn Untersuchungen üblich. Nummeriert werden sie als U1 bis U9 (dazwischen gibt es eine U7 und U7a). Die U1 ist die erste Untersuchung nach der Geburt, die innerhalb der ersten halben Stunde nach Geburt des Kindes (nicht Geburt der Plazenta!) stattfinden muss.

Diese Untersuchung ist besonders wichtig, weil man damit Geburtstraumata und möglicherweise lebensbedrohliche Komplikationen erfasst.

Damit lassen sich alle Fehlbildungen und gegebenenfalls Erkrankungen feststellen, die einer sofortigen medizinischen Versorgung bedürfen. Zugleich erfasst man alle Risikofaktoren, die vor, während und nach der Geburt auftraten und enscheidet, wie das Neugeborene medizinisch weiter zu behandeln ist.

Eine solche eingehende Anamnese ist notwendig, um dem neuen Erdenbürger die bestmögliche medizinische Betreuung zukommen lassen zu können.

 

Nach der Geburt

Wann ist die U1  Untersuchung?

In Deutschland erfolgt die erste Untersuchung eines Neugeborenen bereits innerhalb der ersten halben Stunde bis spätestens 2 Stunden nach der Geburt im Krankhaus und wird durch einen Kinderarzt durchgeführt.

 

U1: Die erste Untersuchung nach der Geburt – Das Wichtigste auf einen Blick!

  1. Die Untersuchung umfasst die Anamnese von Schwangerschaft, Geburtsvorgang und Familie sowie des Neugeborenen selbst.
  2. Sie dient in erster Linie der Beurteilung des Gesundheitszustandes des Neugeborenen und hilft bei der Entscheidung über gegebenenfalls notwendige medizinische Maßnahmen.
  3. Wichtig für diese Beurteilung ist vor allem der APGAR-Test, bei dem man eine, fünf und zehn Minuten nach Geburt Atmung, Puls, Muskeltonus, Aussehen und Reflexe überprüft.
  4. Gegebenenfalls kann man dem Neugeborenen Vitamin K verabreichen, um Blutungsneigungen infolge Vitamin K-Mangels vorzubeugen.

 

U1-Untersuchung nach der Geburt: Schwangerschaftsanamnese

Zur U1-Untersuchung nach der Geburt gehört in jedem Fall auch die Anamnese der vorausgegangenen Schwangerschaft.

Dabei helfen Eintragungen im Mutterpass sowie weitere medizinische Dokumentationen (soweit vorhanden) mögliche Risikofaktoren abzuschätzen, die sich durch die Schwangerschaft ergeben haben könnten. Diese Dokumentation dient nicht nur der Gesundheit des Neugeborenen, sondern auch der seiner Mutter.

 

Die wichtigsten Fragen, deren Ergebnisse bei der U1 zu dokumentieren sind, lauten:

  1. Handelt es sich um eine Mehrlingsschwangerschaft?
    • Bei Mehrlingsgeburten kann es vorkommen, dass eines der Kinder schwächer entwickelt ist. Auf diese muss man ein besonderes Augenmerk richten.
  2. Welche Dauermedikation hat die Mutter während der Schwangerschaft eingenommen?
    • Eigentlich sollte die Medikation grundsätzlich mit dem betreuenden Gynäkologen abgesprochen sein. Einige Medikamente können das ungeborene Kind beeinträchtigen oder sogar schädigen.
    • Dazu gehören die nachfolgend besprochenen Diabetes-Medikamente. Typ II-Diabetikerinnen müssen von Tabletten auf Insulin umsteigen, weil die Medikamente für das Ungeborene unzuträglich sind.
  3. Ist die Mutter Diabetikerin oder litt sie unter Schwangerschaftsdiabetes (Gestationsdiabetes)?
    • Zu hohe Blutzuckerwerte erhöhen das Risiko von Fehl- und Frühgeburten sowie von Fehlbildungen an Herz, Lunge und Nervensystem.
    • Typ I-Diabetes hat eine genetische Komponente, sodass Kinder ein höheres Risiko einer solchen Erkrankung haben.
    • Ein nicht eingestellter Gestationsdiabetes führt zu teilweise drastisch erhöhtem Geburtsgewicht (über 4.5 Kilogramm).
  4. War die Fruchtwassermenge normal?
    • Enthält die Fruchtblase weniger als 500 Milliliter Fruchtwasser, spricht man von einem Oligohydramnion, bei einem Überschuss über 2 Litern von einem Polyhydramnion. Ersteres tritt bei Mehrlingsschwangerschaften und Störungen der Plazenta oder Kindeswachstums auf, letzteres bei Diabetes, Syphilis oder Herzfehlern.
  5. War der Antikörpersuchtest positiv?
    • Bei diesem Test sind insbesondere Antikörper gegen den Rhesus-Faktor der roten Blutkörperchen wichtig. Unbehandelt führt das zum Abbau der Erythrozyten, Blutarmut und Behinderungen.
  6. Bestanden während der Schwangerschaft besondere psychische oder soziale Belastungen oder kam es zu Alkohol- und/oder Nikotinmissbrauch?
    • Alkohol- oder Nikotinabusus sind der Gesundheit eines ungeborenen Kindes wenig zuträglich. Stellt man bei der U1 Fehlbildungen fest, ist das oftmals die Ursache. Dahinter stecken oftmals psychische und/oder soziale Belastungen der Mutter.

 

U1-Untersuchung nach der Geburt: Geburtsanamnese

Für die Geburtsanamnese der U1-Untersuchung nach der Geburt dokumentiert man die wichtigsten Daten zum Geburtsvorgang.

  1. Geburtsdatum
  2. Geschlecht
  3. Anzahl der vollendeten Schwangerschaftswochen (SSW) plus Tage – beispielsweise „38+3 SSW“
  4. Lage des Kindes
    • Schädellage (SL)
    • Beckenend- oder Steisslage (SL)
    • Querlage (QL)
    • vordere oder hintere Hinterhauptlage (vHHL oder hHHL)
  5. Geburtsmodus – wie kam das Kind auf die Welt?
    • Spontangeburt (ohne Hilfsmittel)
    • Sectio caesarea (Kaiserschnitt)
      • primärer Kaiserschnitt, wenn aufgrund einer Notsituation das Baby vor Blasensprung und Wehen geholt wird
      • sekundärer Kaiserschnitt, wenn die Fruchtblase bereits geplatzt ist und der Geburtsvorgang begonnen hat
      • Notkaiserschnitt (primär oder sekundär), wenn es zu Komplikationen kommt (Gestosen – Eklampsie, HELLP-Syndrom; Herzstillstand)
    • Saugglocke
    • Zange
  6. Befunde der Pränataldiagnostik (soweit durchgeführt)
    • von Ultraschalluntersuchungen
    • von Fruchtwasseruntersuchungen (Amniozentese)
    • von Chorionzottenbiopsien
  7. Besonderheiten
    • Nabelschnur um den Hals
    • auffällige Hautfarbe
    • Einsetzen der Lungenfunktion (hat das Kind sofort geschrien, musste es beatmet werden?)

 

U1-Untersuchung nach der Geburt: Familienanamnese

Bei der Familienanamnese erfasst man die wichtigsten Punkte zu Eltern, Geschwistern und gegebenenfalls Erkrankungen in der Familie, die möglicherweise erblich sind und auch das Neugeborene betreffen könnten.

  1. Daten der Eltern
    • Alter
    • Ausbildung
    • Beruf
    • Familienstand
    • ggfs. Verwandtschaftsverhältnis (Risiko von Erbkrankheiten!)
  2. Daten der Geschwister
    • Vornamen
    • Geburtsdaten
    • Krankheiten, Fehlbildungen und Entwicklungsauffälligkeiten
  3. Bekannte Krankheiten mit erblicher Komponente in der Familie
    • Diabetes
    • Hämophilie (Bluterkrankheit)
    • Retinoblastom (Augentumor)
    • Wilms-Tumor
    • Chorea Huntington
    • Mukoviszidose
    • Phenylketonurie

 

U1-Untersuchung nach der Geburt: Körperliche Untersuchung

Zur U1-Untersuchung nach der Geburt gehört natürlich auch die Examination des Kindes selbst.

  1. Geburtsgewicht
  2. Länge des Neugeborenen
  3. Kopfumfang des Neugeborenen
  4. Untersuchung von Zehen, Fingern, After, Mund, Nase, Ohren
  5. Untersuchungen des Nabelschnurblutes
    • Sobald die Nabelschnur durchtrennt wurde, entnimmt man etwas Blut aus einer der Arterien und überprüft Sauerstoffgehalt, pH-Wert und Basenüberschuss/Basendefizit. Zuvor lässt sich an der Nabelschnur der Puls des Babys tasten, der bei etwa 100 Schlägen pro Minute liegen sollte.
  6. APGAR-Score. Den APGAR-Test führt man sofort nach der Geburt durch. Das Backronym steht für
    1. Atmung
    2. Puls
    3. Grundtonus
    4. Aussehen
    5. Reflexe.
      Er dient der Beurteilung der Anpassung des Neugeborenen an die Bedingungen außerhalb der Gebärmutter. Dabei mißt man eine, fünf und zehn Minuten nach Geburt. Für jede dieser fünf Überprüfungen vergibt man null (Merkmal nicht vorhanden), einen (Merkmal wenig ausgeprägt) oder zwei (Merkmal optimal ausgeprägt) Punkte. Die Höchstpunktzahl liegt bei zehn Punkten. Oftmals erreichen die Kinder erst beim dritten Test eine hohe oder maximale Punktzahl. Bei einem auch dann noch akut zu niedrigen Score müssen die Geburtshelfer entsprechende medizinische Maßnahmen einleiten.
  7. Reifezeichen
  8. Fehlbildungen
  9. Traumata durch die Geburt
  10. Ödembildungen
  11. Gelbsucht (Neugeborenen-Gelbsucht, Icterus neonatorum)
  12. sonstige Auffälligkeiten. vor allem bei Gesicht und körperlichen Proportionen.

 

U1-Untersuchung nach der Geburt: Vitamin K-Prophylaxe

Einige wenige Neugeborene leiden an Vitamin K-Mangel. Dieser führt zu einer erhöhten Blutungsneigung aus Nase, Mund, Nabel oder Po, da das Vitamin wichtig für die Bildung von Gerinnungsfaktoren ist. Man spricht hier von einer Neugeborenen-Vitamin K-Mangelblutung (Vitamin K Deficiency Bleeding, VKDB, Morbus haemorrhagicus neonatorum). Bei einer späten VKDB können in den ersten Wochen nach der Geburt innere Blutungen wie Hirnblutungen auftreten und tödlich verlaufen.

Die Erstmilch (Colostrum) ist extrem reich an Vitamin K, um solche Mangelzustände zu beheben. Trotzdem verabreicht man Neugeborenen Vitamin K zur Prophylaxe, meist oral in Form von Tropfen, bei Frühgeburten auch als Spritze. Sie können das jederzeit mit Ihrem Kinderarzt diskutieren und sich weiter informieren, wenn Sie auf eine solche Prophylaxe während der Untersuchung nach der Geburt verzichten möchten.

In jedem Falle indiziert ist eine Vitamin K-Prophylaxe bei Frühgeburten und Kindern, die per Kaiserschnitt, Saugglocke oder Zange geboren wurden. Gleiches gilt für Neugeborene, die bei der Geburt verletzt wurden oder bei denen man Probleme mit Atmung oder Leberfunktion festgestellt hat. Musste die Mutter während der Schwangerschaft Medikamente gegen Epilepsie, Tuberkulose oder zur Blutverdünnung einnehmen, ist eine Vitamin K-Prophylaxe auf jeden Fall angebracht.

 

Quellen, Links und weiterführende Literatur

  1. Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte e.V.: U1 – erste Vorsorge. Link>>. Hier finden sich auch Informationen über Babys weitere Untersuchungen wie auch die von Kleinkindern, Schulkindern und Teenagern.
  2. Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses über eine Neufassung der Richtlinien über die Früherkennung von Krankheiten bei Kindern bis zur Vollendung des 6. Lebensjahres (Kinder-Richtlinien): Formale und inhaltliche Überarbeitung (Neustrukturierung). BAnz AT 18.08.2016 B1
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