Zwanghafte Gedanken bei Kindern – Das sagt der Kinderarzt:

Die Stimme im Kopf: Zwanghaftes Denken beim Kind

Kinder haben viel Fantasie, glauben lange an Magie und lieben Rituale. Bis ins Grundschulalter gibt es in der Regel keinen Grund für Dich, Dir Sorgen zu machen, wenn Dein Kind in alltäglichen Situationen an bestimmten Verhaltensmustern festhält. Bei zwei Prozent aller Kinder und Jugendlichen kann sich aber eine Zwangsstörung hinter auffälligem Verhalten verbergen. Besonders wenn Dein Kind selbst davon spricht, dass es zwanghafte Gedanken hat, die es nicht kontrollieren kann, ist es Zeit für einen Besuch beim Kinderarzt.

zwanghafte Gedanken
zwanghafte Gedanken bei Kindern, Copyright: Sangoiri, bigstockphoto

Was verbirgt sich hinter dem Begriff Zwangsstörung?

Kinder und Jugendliche mit Zwangserkrankungen verspüren den inneren Drang oder Zwang, bestimmte Dinge zu denken oder zu tun. Sie leiden unter den Gedanken. Das Wiederholen, Ordnen und Kontrollieren hat einen hohen Stellenwert. Zwanghafte Gedanken drehen sich häufig um folgende Themen:

  •  Angst vor Verschmutzung
  •  Angst vor Krankheiten
  •  Angst vor Verletzung
  •  Aggression
  •  Gewalt
  •  Glauben und Religion

Das Krankheitsbild ist nicht selten, wird aber häufig erst spät erkannt. Die zwanghaften Gedanken können die Lebensqualität der betroffenen Kinder und Jugendlichen stark beeinträchtigen. Der erste Ansprechpartner ist in der Regel der Kinderarzt, der Deine Tochter oder Deinen Sohn bei einem begründeten Verdacht auf eine Zwangsstörung zu einem Kinder- und Jugendpsychiater überweist.

Fünf Fakten zum Thema

  1. Circa zwei Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland leiden an zwanghaften Gedanken im Rahmen einer Zwangsstörung.
  2. Die meisten Kinder erkranken in einem Alter zwischen zehn und 13 Jahren.
  3. Unbehandelt kann eine Zwangserkrankung bis ins Erwachsenenalter fortbestehen.
  4. Eine Psychotherapie in Kombination mit Medikamenten kann vielen von zwanghaften Gedanken betroffenen Kindern helfen.
  5. Kinder- und Jugendpsychiater sind Spezialisten für die Behandlung zwanghafter Gedanken bei Kindern und Jugendlichen.

Woher kommen Zwangsgedanken bei Kindern?

Wissenschaftler konnten bei Zwangserkrankungen mit frühem Beginn einen starken Einfluss genetischer Faktoren feststellen. Haben Kinder erstgradige Verwandte mit Zwangsstörungen, sind sie einem drei- bis zwölfmal höheren Risiko ausgesetzt, ebenfalls an zwanghaften Gedanken zu leiden, als die Allgemeinbevölkerung.

Beginnen die Zwangsgedanken erst im späten Kindes- oder Jugendalter, sind die Ursachen eher schwierige Lebensbedingungen oder Traumata, die für das Kind mit Angst und starker Unsicherheit verbunden sind. Interessant ist auch die Beobachtung, dass bestimmte Bakterien, nämlich beta-hämolysierende Streptokokken der Gruppe A, ganz plötzlich Episoden mit stark ausgeprägten Zwangssymptomen bei Kindern und Jugendlichen hervorrufen können.

Vater tröstet sein Kind
Vater tröstet sein Kind, Copyright: ginasanders, bigstockphoto

Wie der Kinder- und Jugendpsychiater Zwangsgedanken behandelt

Hast Du mit Deinem Kind zusammen erkannt, dass es Hilfe braucht, weil es sich bei den zwanghaften Gedanken in seinem Kopf um eine Erkrankung handelt, ist ein wichtiger erster Schritt getan. Der Kinder- und Jugendpsychiater hat viel Erfahrung mit Zwangsgedanken, da es ein relativ häufiges psychiatrisches Krankheitsbild ist.

Er setzt zunächst die kognitive Verhaltenstherapie (Psychotherapie) zur Behandlung ein. Ein wichtiger Teil dieser Therapie ist die Exposition mit Reaktionsmanagement. Dein Kind wird dazu angeleitet, Zwangsgedanken und damit verbundene Handlungen bewusst zuzulassen, ohne sie aktiv abzuwehren. Mit der Zeit gewöhnt sich Dein Kind an die gefürchtete Situation und stellt fest, dass keine negativen Konsequenzen eintreten. Viele Kinder können für die Therapie in die Praxis kommen und wie gewohnt zu Hause leben. Eine stationäre oder tagesklinische Behandlung ist nur notwendig, wenn weitere Symptome wie massive Essstörungen oder Depressionen hinzukommen.

Eltern und ihre Rolle im Teufelskreis der zwanghaften Gedanken

Du möchtest immer das Beste für Dein Kind. Im Zusammenhang mit zwanghaften Gedanken kann Deine gut gemeinte Hilfe die Beschwerden aber sogar verschlimmern. Versuchst Du, Deine Tochter oder Deinen Sohn von den negativen Gedanken abzulenken, kann das die Beschäftigung mit der Stimme im Kopf sogar noch steigern.

Die Erleichterung darüber, die Gedanken kurzfristig unterdrücken zu können, stellt das Problem langfristig noch deutlicher in den Mittelpunkt. Die Zwangsgedanken werden immer wichtiger für den Patienten. Dein Kind befindet sich mehr und mehr in einem Teufelskreis aus Zwangsgedanken und den Versuchen, ihnen zu widerstehen. Bei Erwachsenen ist dieser krankhafte Prozess wissenschaftlich sehr gut untersucht. Weiterhin kommst Du hier ins Spiel,

  1. indem Du Fragen bei einem Fragezwang unendlich oft beantwortest,
  2. einen Waschzwang aus gut gemeinten hygienischen Ansichten sogar förderst,
  3. Du den Zwangshandlungen auf erzieherischer Ebene nichts entgegensetzt, weil Du Angst vor einer aggressiven Reaktion Deines Kindes hast.

Zwanghafte Gedanken eines Kindes oder eines Jugendlichen betreffen die ganze Familie. Nimm professionelle Hilfe so früh wie möglich in Anspruch, steh Deinem Kind zur Seite und versuche, Geduld zu haben. Gemeinsam findet Ihr den Weg aus der Erkrankung zurück in ein selbstbestimmtes Leben.

Quellenangabe:

  • Wewetzer C, Walitza S, Reizle K: Zwangsstörungen. In: Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, Bundesarbeitsgemeinschaft Leitender Klinikärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie und Berufsverband der Ärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie eds.: Leitlinien zur Diagnostik und Therapie von psychischen Störungen im Säuglings-, Kindes- und Jugendalter. 3. überarbeitete und erweiterte Auflage. Köln: Deutscher Ärzte-Verlag 2007: 73-87.