Kinder mit Migrationshintergrund in der Schule

Flüchtlingskinder in der Schule

Nach den Schulferien, so berichtet Deine Tochter unter Tränen, verlässt ihre aus der Türkei stammende Freundin Ayla die Klasse. Ihre schulischen Leistungen reichen nicht aus, um das Klassenziel zu erreichen. Sie als Schülerin mit Migrationshintergrund hat es in der Schule schwerer als Deine Tochter. Ihr Cousin Onur schafft es ebenfalls nicht in die nächste Klasse. 2015 veröffentlichte die OECD eine aktuelle PISA-Studie.

Im März 2018 legt die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung eine Sonderauswertung vor. Darin beschäftigten sich Wissenschaftler mit der Auswertung der damaligen Ergebnisse im Hinblick auf den Zusammenhang zwischen einem Migrationshintergrund und den schulischen Leistungen. Der Bericht enthielt alarmierende Ergebnisse. Die Forscher fanden heraus, dass Kinder oder Enkelkinder von Migranten enorm hohes Risiko für das schulische Versagen aufweisen. Ursächlich dafür sind Sprachschwierigkeiten sowie der soziale Hintergrund. Beide Faktoren wirken sich negativ auf die Integration aus.

Migationskinder in deutschen Schulen
Migationskinder in deutschen Schulen, Copyright: Chinnapong bigstockphoto

Was fand die Studie heraus?

Konkret beschreibt die Auswertung, dass in 35 Ländern der OECD die Hälfte aller Schüler von Migranten erster Generation die untersten Kompetenzniveaus in Mathematik, in den Naturwissenschaften oder im Lesen verfehlten. Bei den Jugendlichen und Kindern ohne Einwanderungsgeschichte waren es lediglich 28 Prozent. Demnach schnitten fast ein Viertel mehr Schüler mit ausländischen Eltern oder Großeltern schlecht ab. In Deutschland zeigten 43 Prozent der 15-jährigen mit Zuwanderungshintergrund schwache schulische Leistungen. Im Durchschnitt liegt der Anteil in allen OECD-Staaten bei 46 Prozent. In Europa schnitt Irland mit 24 Prozent am besten ab.

Wie evaluierten die Wissenschaftler die Daten?

Die Sonderauswertung berücksichtigt verschiedene Faktoren. Es liegen Ergebnisse zu den Unterschieden zwischen Kindern eingewanderter Familien aus der ersten und zweiten Generation vor. Zudem differenziert die Studie zwischen Schülern, bei denen beide Eltern einen Migrationshintergrund aufweisen und jenen, bei denen nur ein Elternteil ausländische Wurzeln innehat. Neben schulischen Kompetenzen misst sie die Zufriedenheit sowie den Ehrgeiz der Kinder. Ebenso betrachtet sie, ob diese gerne lernen oder nicht. Eine wichtige Frage ist, ob sich Schüler ausgegrenzt oder dazugehörig fühlen.

Schlechte Noten in MINT-Fächern und im Lesen

In den westlichen Ländern stieg der Anteil an Schülern mit ausländischen Eltern stark an. Konkret wies ein Viertel der Kinder im Jahr 2015 einen Migrationshintergrund auf. Bildung ist ein wichtiger Teil für die Integration von zugewanderten Familien in Europa. Umso alarmierender ist die Tatsache, dass europäische Schüler mit ausländischen Wurzeln im Lesen, in der Mathematik und in den naturwissenschaftlichen Fächern (den sogenannten MINT-Fächern) scheitern. In Deutschland sprechen mehr als achtzig Prozent der Schüler mit Zuwanderungshintergrund zu Hause kein Deutsch. Ein Umstand, der dazu führt, dass sich die Kinder nicht an den alltäglichen Gebrauch der Sprache gewöhnen.

Schüler mit Migrationshintergrund sind unzufriedener

Gabriela Ramos von der OECD stellte den Bericht im vergangenen Jahr in Brüssel vor. Sie empfahl eine zielgerichtetere Europapolitik, damit Kinder von Migranten ihr Potenzial optimal entfalten. In diesem Sinne muss einiges getan werden, um die Chancengleichheit zu erhöhen. Kinder mit Migrationshintergrund bedürfen einer erhöhten Zuwendung. Laut der Sonderauswertung leiden Schüler von ausländischen Familien häufiger unter Ängsten, die den Schulalltag betreffen. Sie fühlen sich weniger dazugehörig. Sie sind unzufrieden. Allerdings sind sie motivierter als ihre Klassenkameraden. Insgesamt strebt die überwiegende Zahl danach im Leben wie im Rahmen ihrer schulischen Laufbahn das Beste zu erreichen.

Große Probleme in Österreich, Deutschland, Belgien und den nordeuropäischen Staaten

In Deutschland versagten die Schüler mit Zuwanderungshintergrund häufiger in den genannten Fächern als ihre Mitschüler. Die Zahl der Kinder, die geringere Leistungen erzielten, war bei den migrierten Schülern doppelt so hoch wie die der Vergleichsgruppe. Im Norden Europas wie in Finnland, Schweden oder Dänemark zeigten sich ähnliche Ergebnisse. Gleiches gilt für die Nachbarn aus Belgien und Österreich.

Die Integration versagt in vielen Staaten

In Schweden, Belgien, Österreich und Deutschland sprechen etwa 30 Prozent der Schüler eine fremde Muttersprache. Sie liegen über dem Durchschnitt von knapp 23 Prozent in den OECD-Staaten. In Polen weisen lediglich drei Prozent einen Migrationshintergrund auf. Bei den Finnen ist nur jedes zehnte Kind von Zuwanderung betroffen. Dennoch versagt Finnland beim Erreichen seiner Integrationsziele. Das liegt an der Zusammensetzung der Klassen. Bis 2016 immigrierten zahlreiche Flüchtlinge aus Somalia und dem Irak. Die Kinder aus Familien somalischer Herkunft wiesen gegenüber anderen Einwanderergruppen bedeutend schlechtere Leistungen auf. Die Zahl der Schulversager stieg an.

Der soziale Hintergrund bestimmt über die Integration

Neben Sprachschwierigkeiten ist die soziale Benachteiligung ein wesentliches Hindernis der gelungenen Eingliederung. In vielen OECD-Ländern spielt das sozio-ökonomische Umfeld eine entscheidende Rolle. Die Schüler wachsen in schwierigen sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen auf. Die tatsächlichen Unterschiede von Kindern mit und ohne Zuwanderungshintergrund schrumpfen, wenn die Wissenschaftler den sozialen Faktor ausklammern. In den USA spielt dieser nahezu keine Rolle mehr. In Europa ist er weiterhin stärkstes Hemmnis. Aus diesem Grund erzielen Migranten weiterhin mit hoher Wahrscheinlichkeit geringere Basiskompetenzen als ihre Mitstreiter.

Welche weiteren Ursachen sehen OECD-Wissenschaftler für eine unzureichende Integration?

Schlechte schulische Ergebnisse sind auch ein Indiz für eine wenig förderliche Lernumgebung. Die Studie ergab, dass Kinder mit Migrationshintergrund an Schulen mit vielen Zuwanderern schlechter abschneiden als jene in gemischten Bildungseinrichtungen. Nachteilig ist eine Separierung der schlechteren Schüler in spezielle Lerngruppen. Durch den mangelnden Kontakt mit Kindern, die die Sprache des Zuwanderungslandes sprechen, fallen sie in ihrer gesamten Entwicklung zurück.

Das betrifft nicht nur die sprachlichen Fähigkeiten, sondern ebenso die kulturellen Gepflogenheiten, die sich Kinder ausschließlich im Kontakt mit ihren Mitschülern aneignen. Die kulturellen und sprachlichen Aspekte sind ein wesentlicher Bestandteil des schulischen Erfolges, den Lehrer ihnen durch die Isolierung verwehren. In vielen deutschen Oberschulen ist die Trennung von Kindern mit Migrationshintergrund von ihren deutschsprachigen Mitschülern eine gängige Praxis.

Welche Maßnahmen helfen, die Integration zu verbessern?

In dem Forschungsbericht geben die Wissenschaftler konkrete Vorschläge, um die schulischen Ergebnisse von Kindern mit Zuwanderungshintergrund zu verbessern. Eine entscheidende Rolle kommt hier dem Bildungssystem zu, bei denen Lehrer und Schulen gezielte Maßnahmen umsetzen, um die Integration zu fördern. Eine frühe Sprachstandserhebung ist entscheidend, um die Kinder an dem Standpunkt abzuholen, an dem sie sich befinden.

Bei auffälligen Personen empfiehlt sich eine zusätzliche Unterstützung. Kein Schüler ist sich selbst und seinem Schicksal überlassen. Ein Augenmerk der Vorschläge liegt auf der Ausrichtung des Unterrichts auf die Diversität der Schülerschaft. Zudem bieten sich außerschulische Aktivitäten an, die das Gemeinschaftsgefühl stärken. Bei diesen gilt es allen Kindern den gleichen Zugang zu verschaffen. Zusätzliche Unterstützung bedürfen sowohl benachteiligte Schüler als auch die Schulen.

Zusammenfassung der Ergebnisse

Die Auswertung der PISA-Studie aus dem Jahr 2015 im Hinblick auf den Vergleich von schulischen Leistungen von Kindern mit und ohne Migrationshintergrund ergab, dass

  • Schüler mit Zuwanderungshintergrund insgesamt schlechtere schulische Leistungen erbringen,
  • Schwächen vor allem im Lesen, in der Mathematik und in den naturwissenschaftlichen Fächern auftraten,
  • sich viele Kinder ausgegrenzt fühlen und unter einem hohen schulischen Druck leiden. Sie sind unzufrieden in der Schule und im Leben.
  • Schüler mit ausländischen Wurzeln motivierter sind, bessere Leistungen zu erstreben.

Gründe für das Scheitern und Wege zur Besserung

Ursächlich für die schlechten Ergebnisse sind verschiedene Faktoren. Die Segregation in den Oberschulen führt dazu, dass sich die Schüler nicht mit den kulturellen Gepflogenheiten auseinandersetzen. Die Trennung von den anderen Mitschülern wirkt einer Förderung des normalen Sprachgebrauches entgegen. Oft bleiben die Schüler unter sich.

Sie sprechen sowohl in der Schule als auch zu Hause ihre Muttersprache, statt die neue Fremdsprache gewissenhaft zu erlernen. Durch die Sprachschwierigkeiten versagen sie im Unterricht. Der soziale und wirtschaftliche Hintergrund spielt ebenfalls eine ausschlaggebende Rolle. Ohne diesen entspräche laut der OECD-Studie der Bildungsstand dem der Vergleichsgruppe.

Ein niedriges Bildungsniveau der Eltern wirkt sich vielfach auf die schulischen Leistungen der Nachkommen aus. Trotz hoher Motivation erreichen sie das gewünschte Bildungsziel nicht. Eine intensive Unterstützung durch Schulen, Lehrer und das gesamte Bildungssystem ist ein entscheidender Schritt aus dieser Misere. Dies gelingt jedoch nur, wenn alle Parteien an einem Strang ziehen. Eine erfolgreiche Integration ist der Schlüssel zum Aufrechterhalten des weiterführenden Bildungs- und Ausbildungssystems. Schüler mit guten schulischen Leistungen sind für jedes Land eine wichtige Investition.

Quellen

Zum Weiterlesen, Zusammenfassung der Auswertung: