´
Copyright: Pellebo bigstockphoto

(Melbourne) Eine kontrollierte Langzeitstudie hat herausgefunden, dass Säuglinge, die in den ersten Lebenswochen eine Vollnarkose über eine Stunde erhalten haben, gleichgute Ergebnisse in einem Intelligenztest fünf Jahre später erreichten. Daraus schließen die Forscher, dass diese Vollnarkose keinerlei drastische Auswirkungen auf die kognitive Entwicklung der Kinder hat. Die Ergebnisse wurden jüngst im Lancet (2019; 393: 664-77) publiziert und sollten die häufigsten Befürchtungen im Hinblick auf die Allgemeinanästhetika bei Säuglingen beruhigen.

Vollnarkose im Säuglingsalter
Vollnarkose im Säuglingsalter: Folgen für die kognitive Entwicklung Copyright: Pellebo bigstockphoto

Entwicklung der Großhirnrinde bei Neugeborenen

Die Entwicklung des Nervensystems und des Gehirns beginnt beim Embryo mit der dritten Schwangerschaftswoche. Es bilden sich unzählige Nervenzellen und neuronale Strukturen. Nach der Geburt ist der Prozess der Entwicklung nicht abgeschlossen. Im Gehirn sind zwar die meisten Neuronen enthalten, dennoch kommt es auf ein Viertel des Gewichts im Vergleich zu Erwachsenen. (Quelle: Neurologen und Psychiater im Netz)

So befinden sich die Säuglinge in einer besonderen Phase der Gehirnentwicklung direkt nach der Geburt. In ihrem ersten Lebensjahr entwickelt sich die Großhirnrinde und es entstehen zahlreiche Synapsen. Nun kann es in diesem Zeitraum zu dringend notwendigen Operationen kommen, die sich nicht auf einen späteren Zeitpunkt verlegen lassen. Dazu gehört die Korrektur angeborener Hernien.

Copyright: Pellebo bigstockphoto

Langzeitstudie untersucht die Folgen der Vollnarkose bei Babys

An der GAS-Studie nahmen 28 Kliniken in sieben Ländern vom Februar 2007 bis zum Januar 2013 teil. Zu den Probanden gehörten 722 Säuglinge. Bei diesen Säuglingen war eine Herniorrhaphie in den ersten Lebenswochen notwendig. Nach dem Zufallsprinzip ordneten die Ärzte eine Vollnarkose oder eine regionale Anästhesie an. 363 Kinder erhielten eine Operation unter Vollnarkose. 359 Kinder wurden unter Regionalanästhesie operiert. Eine erste Zwischenauswertung erfolgte drei Jahre nach der Geburt. Schon hier traten keinerlei negative Auswirkungen für die kognitive Entwicklung zu Tage.

Weitere drei Untersuchungsergebnisse lagen bei der Untersuchung der Probanden im Alter von fünf Jahren vor. Zu diesem Zeitpunkt lässt sich der Intelligenzquotient recht eindeutig bestimmen. Der Wechsler Intelligenztest – kurz WPPSI-III – für Vorschulkinder und Kindergartenkinder gehört zum allgemeinen Messinstrument. Im deutschen Sprachraum handelt es sich um eine Adaptation des gleichnamigen Testverfahrens aus Amerika, das auf David Wechsler zurückgeht. Die Wechsler-Skalen stehen für einen umfassenden Test, um kognitive und allgemeine Fähigkeiten der Kinder evaluieren zu können. Die Altersspanne wurde leicht nach oben verschoben.

Auf Grundlage der Intelligenztests für Kindergartenkinder und Vorschulkinder können die Pädagogen individuelle Fördermaßnahmen besser planen oder frühzeitige Interventionen einsetzen, um zum Beispiel individuelle Begabungen zu fördern. In diesem Testverfahren kommen auf die kleinen Probanden 14 Untertests in jeweils drei Gruppen zu. Es handelt sich um

  • einen verbalen Teil,
  • einen Handlungsteil,
  • eine Sprachskala und
  • um die Verarbeitungsgeschwindigkeit.

Wie sonst ließe sich feststellen, dass ein Kind auf dem Entwicklungsstand ist, um mit den Anforderungen der Schule zurechtzukommen?

Selbstverständlich stehen die Testergebnisse immer im direkten Zusammenhang zur individuellen Entwicklung eines Kindes. Nicht zuletzt die Eltern, die sprachliche und kognitive Förderung zuhause, im Kindergarten und in der Vorschule wirken sich maßgeblich auf die Intelligenz eines Kindes aus. Doch einen gewissen Prozentsatz bekommen die Kinder bereits in die Wiege gelegt.

Child infant in intensive care unit. Shallow depth of field in profile with blurred background.

Keine relevanten Veränderungen in der Intelligenz

Ausgehend von dem Murdoch Children’s Research Institute in Melbourne erreichten Kinder der Gruppe der Regionalanästhesie einen Mittelwert von 99,08 Punkten. Der Intelligenzquotient bei den Probanden mit Vollnarkose lag bei 98,97 Punkten. Der Unterschied ist bei 0,23 Punkten wenig signifikant und wird als klinisch und relevant angesehen.

Eine Einschränkung gilt bei dieser Studie, denn nicht alle Kinder konnte nach untersucht werden. Zur Verfügung standen lediglich 447 Kinder von ehemals 722 Probanden. Jedoch bemerkte Davidson, dass es keinerlei begründete Hinweise bei den ungetesteten Kindern gab, dass eklatante Abweichungen im Intelligenzquotienten auftraten. Ähnlich waren die Ergebnisse in der Protokollanalyse und in der Intent-to-Treat-Analyse, bei der alle Kinder getestet und bewertet werden.

Bei einer Intent-to-Treat-Analyse werden die Daten aller Patienten ausgewertet, die man beabsichtigte zu behandeln. Diese Analyse steht vollkommen unabhängig von der tatsächlichen oder der geplanten Behandlung.

Vorsicht vor Verallgemeinerungen der Langzeitstudie

Auch James O’Leary bewertet diese Ergebnisse der Langzeitstudie als Beweis, dass eine kurze Vollnarkose keine relevanten Auswirkungen auf das Nervensystem der Kinder hat. Dennoch sollten diese Ergebnisse nicht sofort verallgemeinert werden.

Streng gesehen hat diese Langzeitstudie nur die Folgen einer einzelnen Narkose für die Kinder untersucht. Vergleichbare und aussagekräftige Werte ergeben sich nur für eine einstündige Vollnarkose mit Sevofluran. Bis zum heutigen Tage gibt es keinerlei gesicherte Aussagen, ob mehrstündige und längere Operationen von Neugeborenen unter Vollnarkose ohne Auswirkungen für die kognitive Entwicklung bleiben.

Quellen und Links

Letzte Aktualisierung am

Einige Informationen fehlen noch!Hat mir nicht so gut weitergeholfenHat mir gefallen - aber nicht richtig geholfen!Hat mir geholfen und gut gefallenArtikel hat mir sehr gut gefallen (3 Punkte )
Loading...