Schule neu denken oder ganz abschaffen!? Im Interview Oliver Hauschke

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Er ist selbst Vater von 10 Kindern und war viele Jahre ein Fürsprecher der klassischen Schulbildung. Heute sieht, der als Lehrer und Schulleiter arbeitende Autor, Oliver Hauschke die Dringlichkeit zu radikalen Veränderungen in unserem Bildungswesen und drängt dazu auch in seinem Buch „Schafft die Schule ab!“. Wir haben ihn gefragt was er als Hauptproblematik an deutschen Schulen sieht und wie ein „Guter Ort zum Lernen“ oder ein Neues Schulsystem aussehen könnte:

Oliver Hauschke

Oliver Hauschke: Wenn man Vater wird, ändern sich die Perspektiven. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Zukunft erweitert sich um das Nachdenken über die Zukunft der eigenen Kinder. Wie stelle ich mir die Zukunft meiner Kinder vor? Was wünsche ich ihnen? Was tue ich, um sie auf ihrem Weg zu unterstützen?

Bei aller Unterschiedlichkeit wollen wir alle für unsere Kinder doch das Gleiche: ihr Bestes! Und doch nehmen wir auch heute noch viel zu oft hin, das gerade in einem Bereich, der unsere Kinder über viele Jahre begleitet und prägt, ihnen nicht das Beste geboten wird. Ich spreche von der Schule, insbesondere der weiterführenden Schule.

 

Über den Autor:  Oliver Hauschke, er studierte Wirtschaftswissenschaften, Politik und Geschichte und gab als Lehrer Unterricht an Gymnasien und Gesamtschulen. Ab 2009 baute er als Schulleiter erfolgreich eine gymnasiale Oberstufe auf.

Schule ist so ziemlich der schlechteste Ort zum lernen.

Wie kann es sein, dass wir so bereitwillig und ohne kritisches Hinterfragen unseren Kindern einen Lehrort zumuten, der bezüglich erfolgreichen, nachhaltigen Lernens so gut wie alles falsch macht, was man falsch machen kann? Das liegt natürlich mit an unserer eigenen Sozialisation. Wir sind schließlich selbst Kinder dieses Schulsystems und fühlen uns heute vielfach erfolgreich in die Gesellschaft integriert. Wir haben viele Jahre und Mühen in dieses System gesteckt. Wenn wir die Schule hinterfragen, müssten wir uns womöglich auch selbst hinterfragen. Das fällt uns meist schwer.

Ich behaupte allerdings, dass wir nicht wegen der erfolgreichen Arbeit der Schule zu dem geworden sind, was wir sind, sondern trotz der Schule. Und das wiederum eröffnet uns die kritische Auseinandersetzung mit Schule ohne uns selbst infrage zu stellen.

Ist es uns als Väter wirklich ernst damit, das Beste für unsere Kinder zu wollen, so müssen wir die Schule nicht nur kritisch hinterfragen, sondern auch für deren radikale Veränderung eintreten. Denn was macht Schule heute mit unseren Kindern? Oft genau das, was sie auch schon mit uns selbst und unseren Eltern und Großeltern gemacht hat. Denn Schule hat sich im Grunde seit ihrer Entstehung kaum verändert.

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Ihrem obrigkeiststaatlichen Entstehungsgeist entsprechend gehen noch immer jahrgangsgleiche Horden junger Menschen zu früh in kleine Lernzellen, um dort 45 oder 90 Minuten lang zur gleichen Zeit, am gleichen Material das gleiche, oft irrelevante Thema zu lernen, um dieses zur gleichen Zeit fertig erarbeitet und verstanden zu haben. Nach 90 Minuten bekommen diese kleinen Horden dann 20 Minuten Hoffreigang, um anschließend ihren inneren Bewegungsdrang wieder im Zaum zu halten und weitere 90 Minuten lang das nächste Thema auf die gleiche Weise auf harten Stühlen an in Reihen geordneten Tischen sitzend, die die wichtigste Person im Raum, die Lehrkraft, ins Zentrum nehmen, belehrt zu werden.

Wer mit dem vorgegebenen Tempo nicht mithalten kann, wer Fehler macht, dem werden diese Fehler in jeder Rückmeldung vorgehalten und in der, von allen zur gleichen Zeit, zu schreibenden Arbeit leuchten sie einem in unmissverständlichem Rot entgegen. Mehr kann man Kinder kaum beschämen, entmutigen, desillusionieren, deprimieren, unterdrücken und betrüben. Und weil Schule und die dort Agierenden genau wissen, dass sie mit der Art und Weise, wie Schule gestaltet ist und gestaltet wird, auf Dauer unsere Kinder nicht zum freiwilligen, intensiven Lernen motivieren können, benutzen sie als Druckmittel subjektive Ziffernnoten, die sie für jede Aussage und jede Handlung vergibt.

Schafft die Schule ab: Warum unser Schulsystem unsere Kinder nicht bildet und radikal verändert werden muss
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Schafft die Schule ab: Warum unser Schulsystem unsere Kinder nicht bildet und radikal verändert werden muss
  • Hauschke, Oliver (Autor)
  • 224 Seiten - 22.05.2019 (Veröffentlichungsdatum) - mvg Verlag (Herausgeber)

Kinder wollen Lernen und zwar ständig

Auch für so lebensirrelevante Dinge, wie die Ausführung des Kopfsprungs vom Block im Schwimmbad oder die Anfertigung einer Porträtzeichnung. Dadurch wird nicht nur die Kindern immanente intrinsische Lernmotivation – Kinder wollen Lernen und zwar ständig – zerstört und durch die extrinsische Motivation der, angebliche objektiven, Notenvergabe ersetzt, sondern unsere Kinder fangen gleichzeitig an, Fehler zu vermeiden, was oft bedeutet, dass sie vor allem ihre Beiträge im Unterricht reduzieren oder ganz einstellen, denn sie wissen, jede Aussage wird beurteilt und benotet.

Was wir dabei übersehen, ist, dass zum erfolgreichen Lernen das Fehler-machen-dürfen gehört. Und zwar ohne die Angst, dafür massive Konsequenzen, was in Schule bis hin zum Sitzenbleiben oder Abschulen führt, tragen zu müssen.

Eine Grundvoraussetzung für nachhaltiges, erfolgreiches Lernen ist, die Kinder und Jugendlichen in Erstaunen zu versetzen. Lernen muss Freude machen und Begeisterung wecken. Man soll lernen wollen, nicht müssen. Erfolgreiches und v.a. nachhaltiges Lernen muss sich im Grunde ergeben und kann nicht aufgezwungen werden. Doch in den meisten unserer öffentlichen Schulen wird Lernen aufgezwungen.

Wir erwarten von unseren Kindern, dass sie sich mit einem, für sie völlig irrelevanten Thema zu einer Zeit beschäftigen, die wir ihnen vorgeben, weil wir glauben, es sei der richtige Zeitpunkt und wundern uns dann darüber, dass unsere Kinder keine Begeisterung dafür entwickeln und sich nur mäßig anstrengen. Würde ich mit meinen Kindern, noch bevor sie zur Schule gehen, genauso verfahren, könnte sie mit Sicherheit heute einige Dinge nicht oder weniger gut.

Lernen ist wie Fahrradfahren, jedes Kind hat seinen eigenen Rythmus

Fahrradfahren haben meine Kinder  – und ich vermute, die meisten – nicht gelernt, weil ich gesagt habe, das müssten sie heute, sondern weil sie es lernen wollten. Als es soweit war, habe ich meinen Kindern das Fahrrad ausbalanciert, sie gehalten, unterstützt und motiviert, weiter zu machen und zu üben, bis sie es ohne meine Hilfe konnten. Ich habe keinem der Kinder die Fehler beim Üben vorgehalten oder ihnen für ihre mangelnde Leistung eine Note gegeben. Ich habe ihnen zu keinem Zeitpunkt das Gefühl vermittelt, sie könnten das Fahrradfahren nicht erlernen oder seien zu dumm dafür. Ich habe sie motiviert und jeden noch so kleinen Erfolg gelobt.

Als Eltern gehen wir ganz selbstverständlich so mit unseren Kindern um. Warum aber erlauben und akzeptieren wir, dass Schule dieses erfolgreiche Lernsystem zerstört und durch Beschämung und Normierung ersetzt?

Warum nehmen wir es hin, dass Schule unseren Kindern die besten Lernmöglichkeiten vorenthält und das, obwohl wir schon seit langem und mittlerweile durch verschiedene Wissenschaften verifiziert wissen, wie gutes und nachhaltiges Lernen funktioniert. Wenn wir als Väter wirklich das Beste für unsere Kinder im Blick haben und wollen – und ich zweifle in keiner Weise daran – dann sollten wir darauf drängen, dass sich Schule radikal zu einem Lernort entwickelt, der kind,- jugend- und lerngerecht ist.

Wie könnte ein guter Ort zum Lernen aussehen?

In einem solchen erfolgreichen Lernort gibt es keine Gliedrigkeit und Jahrgangsklassen sind aufgelöst, weil sowohl die Leistungsschwachen von den Leistungsstarken und die Jüngeren von den Älteren lernen, als auch umgekehrt. Wir wissen, dass selbst die lernstarken Schüler besser lernen, wenn sie das zu Lernende anderen erklären und die Lernschwächeren, wenn sie es beurteilungsfrei von einem nahezu ähnlich altrigen Lernkameraden erfahren.

An einem solchen Lernort ersetzt eine offene Lernarchitektur mit Räumen zum Setzen, Stellen, Legen, für Einzel-, Partner- und Gruppenarbeit, und der Möglichkeit, sich zurückzuziehen, die kleinen, tristen Lernzellen. Es gibt einen gleitenden Anfang, der die älteren Schüler nicht ihrer zweiten Tiefschlafphase beraubt und es ihnen so ermöglicht, ausgeschlafen und konzentriert in der Schule zu arbeiten. Es gibt eine positive Fehlerkultur, denn Fehler zu machen, gehört zum erfolgreichen Lernen dazu.

Deswegen gibt es an diesem Lernort weder Arbeiten und Hausaufgaben, noch Zeugnisse und Noten, weil all dies nur dazu beiträgt, Fehler zu vermeiden und Schüler zu hemmen. Leistungen werden stattdessen in Portfolios festgehalten, ebenso wie Feedbacks, die umfassend auf die erbrachte Arbeit eingehen. Ein dünnes Gerüst an verbindlichen Lerninhalten ersetzt die überladenen heutigen Curricula und wird begleitet von einem umfangreichen fakultativen Teil, der weit über das hinausgeht, was wir heute in Schule finden und der auch all jenes in die Schule lässt, was wir dort heute noch vermissen.

Diese Lernorte legen wieder Wert darauf, dass man auch versteht, womit man sich beschäftigt und damit das gelingt, erhält man echte wertschätzende Unterstützung von einem Lernbegleiter, dem ein erfolgreiches Vorankommen am Herzen liegt und weniger das eigene Fach.

Dies und noch ein bisschen mehr in unseren Schulen ist es, was wir fordern und umgesetzt sehen müssen, wenn wir wirklich das Beste für unsere Kinder wünschen, denn nur so werden sie zu selbstbewussten, rücksichtsvollen, empathischen, mündigen, kompetenten, selbstdenkenden, kreativen und Problem lösenden Personen.

Quellen und weiterführend

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