„Papa, bist du unsterblich?“ ..was ich meinen Söhnen über den Tod sagen werde.

„Papa, bist Du unsterblich?“ ..Es war einer dieser normalen Familienabende, wir aßen gemeinsam, machten eine kurze Abendrunde mit dem Hund, es regnete einen langsamen anhaltenden Landregen aus dem grauverhangenen Himmel. Zuhause angekommen ließen wir uns alle eine Stunde vom Fernsehprogramm berieseln bevor wir gemeinsam die Kinder zu Bett brachten.

Was ich meinen Söhnen sage. Fotocredit: Paul Glaser, Görlitz

Zähneputzen, Waschen, jeder kennt den Ablauf und weiß wann er dran ist, unseren Jüngsten hält das allabendlich nicht ab noch einmal seine Kräfte mit mir zu messen. „Papa, du hast ja gar keine Muskeln.:“ zwitscherte er mir fröhlich entgegen und spannte dabei auffordern seine Oberarme an. Ein wildes Gerangel begann, unterbrochen von der Strenge der Mutti die ihn zum Waschen rief.

Flüsternde Stille zieht ein, wir teilen uns auf, Vorlesezeit, den Tag nochmal besprechen, ausklingen lassen. Ich denke die Kinder lieben diese letzten Minuten des Tages, wir begegnen uns noch mal wenn wir im Licht der Nachtischlampen, flüsternd, gemeinsam eine Gutenachtgeschichte lesen.

Wie ein großes schwarzes Tier

Dann war Sie plötzlich da, wie ein großes schwarzes Tier saß Sie im Raum, diese Frage, über die man als Eltern schon tausendmal nachgedacht hatte, im Innern, im sich selbst. Jetzt gesprochen aus dem Mund meines kleinen Sohnes hörte sie sich noch bedeutender an. „Papa, wie lange lebst DU noch?

Wir hatten vom Aussterben der Dinosaurier gelesen, und das alles was auf der Welt vorkommt einmal weg ist, gestorben, für immer weg.

Kinder können sich den Tod nicht vorstellen, genauso wenig wie ich mir ein Leben in den Slums von Kampala vorstellen kann. Das kann man erzählt bekommen, man hat aber keinen Bezug.

Ich habe Ihn gesehen, ganz nah.

Und er kommt auch nicht vor, der Tod, nicht in unserem Leben, oder jedenfalls viel zu selten. Obwohl er doch so friedlich ist, so schön, so befreiend und voller Glück.

Ich kenne ihn, ich habe den Tod zweimal gesehen, ganz nah und ich weiß das er nicht der Grund ist warum wir im Leben nicht über ihn reden. Er nimmt uns mit an einen anderen Ort der friedlicher ist wie unsere irdische Welt, soviel ist sicher.

Ich will meinem Sohn davon erzählen, mehr davon sprechen, damit er dazugehört zum Leben, will ihm von meinen Begegnungen erzählen, von den letzten Momenten mit meinem Opa, als ich an seinem Bett saß und er meine Hand nahm, ganz fest und ganz lange drückte, wie er mich ein letztes Mal ansah, sein Atem friedlich wurde, lange lag er so da und ich war bei ihm, Hand in Hand.

Ich weiß nicht was er dachte, vielleicht an sein Leben, vierundneunzig Jahre; seine Kindheit von der Mutter verlassen in Schlesien aufgewachsen, seine bitteren Erfahrungen im Krieg, geblendet als Junge an die Ostfront geschickt, an die sieben Jahre in russischer Gefangenschaft, fast verhungert und doch als einer der wenigen überlebt, um dann mit viel Kraft und Idealismus seine DDR aufzubauen und diese nach 40 Jahren einstürzen zu sehen, betrogen und doch glücklich. Weil er so viele Jahre Liebe erfahren konnte, in seiner Ehe, mit seiner Familie, den Enkeln und Urenkeln.

Ich weiß nicht ob es sein Leben war, was an ihm vorüberzog, aber ich weiß das er lächelte, er war friedvoll als sich seine Brust das letzte Mal erhob und senkte, der letzte Atemzug aus ihm strömte und ihn in seinem Lächeln zurücklies.

Das war er, der Tod. Vor dem sich alle so fürchten das niemand über ihn reden möchte.

Ich werde es tun, meinen Söhnen davon erzählen, wie schön er ist, das grausame ist vor ihm, das Leben.

Und auch das habe ich erfahren, ganz nah, ganz lange, wie viele andere auch. Als mein bester Freund gehen musste, mitten im Leben. Krebs. Mein Mutiger, mein Held, der mir so vieles lehrte, der so kämpfte um sein Leben, gegen seine Krankheit, und damit wertvolle Zeit erfuhr, seine Tochter kennenlernen durfte und nie aufgab. Wir waren zusammen, wir alle, haben zusammengehalten, in der Krankheit, bis zum Ende des Lebens, bis zum Tod, der zu zeitig kam, aber trotzdem Frieden brachte.

Wir alle leben weiter, vielleicht nicht an den Orten die wir uns vorstellen, und sicher nicht an den Orten an die wir Blumen bringen. Aber in den Herzen der Menschen die wir geliebt haben, wenn Sie an uns denken, wenn Sie leben.

„Ja, ich bin unsterblich, mein Sohn“

„Ja, ich bin unsterblich, mein Sohn“ Du kannst mich niemals verlieren, weil du aus mir geworden bist, bin ich ein Teil von Dir und für immer lebendig in deinem Herzen.

„Fürchte Dich nicht.“ Das werde ich Ihnen sagen, meinen Söhnen.
Und umso mehr Liebe, Nähe und Ehrlichkeit ich in meinem Leben gebe, umso unsterblicher werde ich, das sage ich mir. 

Mein Sohn ist friedlich eingeschlafen, am Ende dieses Tages, der wie jeder Tag im Leben ein großes Abenteuer sein kann. Morgen erleben wir gemeinsam weiter.