Machtmissbrauch in der Erziehung und im Familienalltag vermeiden

Viele Eltern und Pädagog*innen fühlen sich in herausfordernden Situationen mit ihren Kindern hilflos. Sie sind mit dem Verhalten der Kinder überfordert und spüren ihre eigene Machtlosigkeit. In solchen Situationen kommt es nicht selten zu Machtmissbrauch in der Erziehung und im Familienalltag durch den Erwachsenen.

Machtmissbrauch
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4 Schritte der Gewaltfreien Kommunikation um Machtmissbrauch in der Erziehung zu vermeiden

„Mir ist die Hand ausgerutscht.“

„Ein Klaps auf den Po hat mir auch nicht geschadet.“

„Ich tue alles für mein Kind und trotzdem terrorisiert es mich.“

„Wenn mein Kind einen Wutanfall hat, dann weiß ich einfach nicht weiter.“

In der Familie besitzen Eltern eine höhere Machtposition, als ihre Kinder. Immerhin verfügen Erwachsenem im Vergleich zu Kindern über mehr Ressourcen und Handlungsmöglichkeiten.

Wo beginnt Machtmissbrauch in der Erziehung?

Liegt ein Machtmissbrauch erst bei physischer Gewalt statt?

Oder nutze ich als Erwachsener bereits meine Macht aus, indem ich das Verhalten meines Kindes mit Belohnung oder Bestrafung manipuliere?

Macht ist die Möglichkeit, auf unsere Kinder so einzuwirken, dass sie sich unseren Wünschen entsprechend verhalten.

Oft ist es ein Zeichen von Hilflosigkeit der Erwachsenen, wenn es zu Machtmissbrauch in der Erziehung kommt. Daher ist die Frage: Wie schaffst du es in herausfordernden Situationen, deine Machtposition nicht auszunutzen?

In diesem Artikel zeige ich dir, wie du mit den 4 Schritten der Gewaltfreien Kommunikation Herausforderungen mit deinem Sprössling bewältigst. Und das ganz ohne Machtmissbrauch.

Schritt 1: Akzeptiere die Situation, in der ein Machtmissbrauch stattfindet

Wann hast du zuletzt mit deinem Kind eine Situation erlebt, in der du dich überfordert oder hilflos gefühlt hast? Wie hast du daraufhin reagiert?

Erinnere dich an eine Situation, in der du lieber anders reagiert hättest.

Wann hast du zuletzt eine Situation erlebt, in der ein Erwachsener seine Macht gegenüber einem Kind missbraucht hat?

Hast du ein solches Beispiel im Kopf? Schön. Nun beginnen wir mit dem 1. Schritt der Gewaltfreien Kommunikation. Der Beobachtung.

In diesem Schritt beschreibst du die Situation, ohne sie zu bewerten.
Schreibe sie auf oder schildere sie deiner Partnerin oder einem Freund.

Beispiel:

Als ich meine Arbeit im Homeoffice erledigen wollte, kam mein Kind zu mir und wollte, dass ich mit ihm rausgehe zum Spielen. Als ich nein sagte, wurde er sehr wütend und warf meine Kaffeetasse um. Daraufhin habe ich ihm gesagt, dass er heute gar nicht mehr raus darf.

Du siehst, diese Beschreibung ist so, als hätte sie eine Kamera aufgenommen. Sie ist völlig frei von Gefühlen oder Beurteilungen.

Im zweiten Schritt widmen wir uns den Gefühlen.

Schritt 2: Kläre den aktuellen Stand deiner Gefühle

Wenn dein Kind dabei ist, alles auf den Kopf zu stellen und du kurz davor bist, deine Machtposition zu missbrauchen, indem du ihm drohst oder Dinge an den Kopf wirfst, die du später bereust – nimm dir einen Augenblick Zeit für einen Gefühls-Check:

Wie fühlst du dich in dieser Situation?

Ohnmächtig? Hilflos? Machtlos? Wütend? Geladen?

Wo in deinem Körper spürst du dieses Gefühl?

Fühlt es sich so an, als würdest du von einer Welle des Zorns weggespült?
Als würde ein riesiger Kloß in deinem Hals stecken?

Vielleicht fallen dir bei dieser Übung Situationen aus deiner Vergangenheit ein, in denen andere dir gegenüber ihre Macht missbraucht haben. Vielleicht gibt es noch heute solche Situationen in deinem Leben. Wie fühlt(e) sich das an? Welche Gefühle steigen in dir auf?

Nimm dir die Zeit und beschreibe, was in dir vorgeht. Du kannst das schriftlich oder zusammen mit einem vertrauten Menschen tun.

Beispiel:

Als mein Kind mit mir spielen wollte, habe ich einen wichtigen Gedanken vergessen, den ich gerade für meine Arbeit im Homeoffice gebraucht hätte. Das hat mich nervös gemacht.

Als er sauer wurde, weil ich nein gesagt habe, war ich traurig, weil ich gerne mit meinem Kind Zeit verbringen möchte.

Dann hat er die Kaffeetasse heruntergeworfen und das hat mich wütend gemacht.

Vielleicht wird es dir am Anfang schwerfallen, deine Gefühle zu benennen. Bleib dran. Denn indem du dir deine Gefühle bewusst machst, kommst du deinen Bedürfnissen auf die Schliche.

Schritt 3: Mach dir klar, was du brauchst

In diesem Schritt geht es um deine Bedürfnisse.

In der Philosophie der Gewaltfreien Kommunikation gehen wir davon aus, dass unerfüllte Bedürfnisse zu negativ bewerteten Gefühlen führen. Wenn deine Bedürfnisse allerdings erfüllt sind, dann fühlst du dich wohl.

Denke nun an dein eigenes Beispiel.

Wie du dich dabei gefühlt hast, hast du dir im zweiten Schritt bewusst gemacht.
Beantworte nun für dich folgende Fragen:

Was brauche ich?
Was würde mir helfen, um mich besser zu fühlen?
Wenn ich mir irgend etwas wünschen könnte, was wäre das?
Was fehlt mir in dieser Situation?
Welche Bedürfnisse sind unerfüllt?

Vielleicht möchtest du gesehen, gehört und wahrgenommen werden? Vielleicht brauchst du Respekt. Oder Unterstützung und Zustimmung?

Beispiel:

Als mein Sohn mich gefragt hat, ob wir spielen und ich nein sagte, war ich traurig, weil ich gerne Zeit mit meinem Sohn verbracht hätte (Bedürfnis nach Gemeinschaft).

Gleichzeitig war ich nervös, weil ich meine Arbeit besonders gut machen will (Bedürfnis nach Anerkennung und Wertschätzung).

Als er dann die Kaffeetasse runterwarf, wurde ich wütend, weil mir ein respektvoller Umgang und Wertschätzung wichtig sind.

Du hast dir nun deine Bedürfnisse klargemacht. Lass uns nun Strategien finden, mit denen du diese Bedürfnisse erfüllen kannst.

Tipp: Sorge auch außerhalb der herausfordernden Situationen dafür, dass dein Bedürfnistank niemals leer wird.

 

Schritt 4: Finde eine oder mehrere Strategien, um deine Bedürfnisse erfüllen

Jetzt kommt der schönste Schritt, der dir mit Sicherheit dabei helfen wird, einen Machtmissbrauch gegenüber deinem Kind zu vermeiden.

Du hast dir die Situation bewusst gemacht, sie beschrieben und deine Gefühlslage geklärt. Außerdem kennst du deine unerfüllten Bedürfnisse. Nun ist es Zeit, kreativ zu sein.

Finde für jedes unerfüllte Bedürfnis mindestens 5 Strategien, mit denen du dir dieses Bedürfnis erfüllen könntest.

Lasse dabei bitte deinen inneren Kritiker aus dem Spiel, der dich miesepetrig anbellt: Wie soll das denn funktionieren?

Die Machbarkeit ist erstmal egal.

Wir wollen erreichen, dass du dir bewusst machst, dass du immer mehrere Wahlmöglichkeiten hast.

Damit wirst du spielend leicht aus der empfundenen Opferrolle herauskommen und der Machtmissbrauch wird sich fast wie von selbst in Luft auflösen.

Beispiel:

Ich könnte mir das Bedürfnis nach Gemeinschaft damit erfüllen, indem mit meinem Sohn spielen gehe, nachdem ich mit meiner Arbeit fertig bin.

Ich könnte eine Pause einlegen und für eine halbe Stunde spielen gehen.

Ich sorge dafür, dass ich ungestört arbeiten kann, um mein Bedürfnis nach Wertschätzung und Anerkennung zu erfüllen.

Nimm die kommenden herausfordernden Situationen mit deinem Kind als praktische Möglichkeiten, die 4 Schritte zu üben.

Die 4 magischen Bonusschritte: Wie du für dein Kind ein Yoda wirst.

Was unsere Kinder brauchen, sind starke Erwachsene, die fürsorglich, liebevoll und weise sind. Erwachsene, die wissen, wie der Hase läuft. Unsere Kinder brauchen einen Yoda.
Sei dieser Yoda für dein Kind.

Vielleicht fühlst du dich nicht immer so, als hättest du die Weisheit mit Löffeln gegessen. Aber den Weg, den dein Kind gerade geht, hast du schon hinter dir. Du hast all die Erfahrungen schon gemacht. Damit bist du natürlich ein Yoda für dein Kind. Mach dir das klar.

Kommen wir nun zum spannenden Teil deiner Mission, jegliche Formen von Machtmissbrauch aus deinem Familienleben zu verbannen.

Führe die 4 Schritte aus Sicht deines Kindes durch.

Das Zauberwort heißt Empathie. Damit wirst du wahre Wunder erleben. Denn plötzlich wird dir klar, was vor sich geht. Und dein Kind fühlt sich verstanden. Das löst eine so gewaltige Erleichterung aus, dass die herausfordernde, anspannende Situation nur noch halb so herausfordernd ist.
Oder der „Wutanfall“ deines Kindes ist plötzlich mit viel weniger Sprengstoff versehen. Statt eines China-Böllers ist es vielleicht nur noch eine Handvoll Knallerbsen. Los geht’s.

Stell dir folgende Fragen:

1. Schritt: Wie sieht die Situation aus den Augen deines Kindes aus?
2. Schritt: Wie fühlt sich dein Kind jetzt gerade?
3. Schritt: Was braucht dein Kind? Welche Bedürfnisse sind unerfüllt?
4. Schritt: Welche Strategien könnten diese Bedürfnisse erfüllen?

Erste Hilfe bei Wutanfällen:

Wenn dein Kind außer sich ist vor Wut, dann braucht es ganz dringend deine Unterstützung. Das ist deine Chance, die Macht zu nutzen.

Konzentriere dich dabei ganz auf Schritt 2 und 3. Du sprichst praktisch laut aus, wie sich dein Kind fühlt und was es braucht.

Beispiel:

Du bist wütend, weil du so gerne mit mir spielen möchtest.
Du bist traurig, weil du jetzt mit mir rausgehen willst.
Du bist wütend, weil du mitbestimmen willst.

Damit zeigst du deinem Kind, dass du nachfühlen kannst, was jetzt in ihm vorgeht.

Probier es einfach mal aus.

Am Ende des Tages ist dein Kind nicht mehr als ein Spiegel, der dir deine inneren Baustellen zeigt. Dafür darfst du gerne dankbar sein. Auch, wenn es sich natürlich nicht gerade angenehm anfühlt, den salzigen Finger in alle möglichen Wunden gesteckt zu bekommen. Aber irgendwer muss es ja machen. Denn Wunden wollen heilen und du willst, wie dein Kind, jeden Tag ein Stückchen mehr über dich hinauswachsen.

Kleine Erinnerung: wenn du das Gefühl hast, alles bricht über dir zusammen und die Trümmer liegen tonnenschwer auf deiner Brust, sodass du kaum noch atmen, geschweige denn die empfohlenen Schritte in diesem Artikel anwenden kannst, dann HOL DIR HILFE“

Niemand muss sich allein dem Wahnsinn und den Turbulenzen von familiären Herausforderungen stellen. Du hast das Bedürfnis nach Unterstützung. Erfülle es dir, indem du deinen Arm aus den Trümmern steckst und mache dir bewusst, dass es kein Zeichen von Schwäche ist. Jemand wird deine Hand nehmen und dich dabei unterstützen, die Trümmer Stück für Stück abzutragen.

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MachtmissbrauchArtikel von Yvonne George

„Entdecke deine Lebendigkeit“ ist das Motto von Yvonne George, Diplom-Sozialpädagogin, Bindungs- und Traumapädagogin, Autorin und Expertin für Gewaltfreie Kommunikation mit Kindern. Auf ihrem Blog www.yvonnegeorge.de findest du praktische Impulse für ein Bindungs- und bedürfnisorientiertes Familienleben.