Migräne bei Kindern » Wir fragen die Kinderärztin

Schon Kinder leiden heute zunehmend häufig an Kopfschmerzen. Neben Spannungskopfschmerz durch Stress ist auch die Migräne bei Kindern eine mögliche Ursache. Kommt Migräne in Eurer Familie vor? Dann ist eine Vererbung der Erkrankung möglich. Betroffene Kinder haben mit einer Wahrscheinlichkeit von 70 bis 80 Prozent Familienangehörige, die ebenfalls an Migräne leiden. Kinderarzt und Neuropädiater sichern die Diagnose und helfen Euch weiter.

Thema Migräne bei Kindern
Thema Migräne bei Kindern Copyright: Buena bigstockphoto

Ablauf einer Migräneattacke beim Kind?

Ein klassischer Migräneanfall beginnt plötzlich, mit Schmerzen auf einer Kopfseite hinter der Stirn, dauert mehrere Stunden und wird von Symptomen wie Lichtempfindlichkeit, Geräuschempfindlichkeit sowie Übelkeit und Erbrechen begleitet. Je jünger die betroffenen Kinder sind, desto untypischer können die Attacken aussehen. Sie sind zum Beispiel kürzer als bei Erwachsenen, der Kopfschmerz tritt beidseitig auf oder das Schwindelgefühl mit Übelkeit steht deutlich im Vordergrund. Viele Kinder legen sich während einer Migräneattacke freiwillig ins Bett, schlafen und wachen ohne Symptome wieder auf. Sie nennen ihre Krankheit häufig einen „bösen Kopf“.

Fünf Fakten zum Thema Migräne bei Kindern

  1. Bis zu 10 Prozent aller Kinder leiden an wiederkehrenden Kopfschmerzen, 4 bis 5 % an Migräne.
  2. Migräne tritt sehr oft familiär gehäuft auf.
  3. Bei circa der Hälfte der betroffenen Kinder verschwindet die Migräne in der Pubertät.
  4. Ibuprofen und Paracetamol sind die Mittel der ersten Wahl gegen Migränekopfschmerzen bei Kindern.
  5. Kinder können Autogenes Training und progressive Muskelentspannung zur Vorbeugung von Migräneanfällen einsetzen.

Kinder und Bauchmigräne

Eine besondere Form der kindlichen Migräne ist die abdominelle Migräne oder Bauchmigräne. Sie kann einer klassischen Migräne vorangehen oder alleine auftreten. Typische Symptome sind

  •  Appetitlosigkeit,
  •  Blässe,
  •  Übelkeit,
  •  eventuell Erbrechen und
  •  Bauchschmerzen.

Kopfschmerzen können ganz fehlen, daher ist die Diagnose der Bauchmigräne nicht leicht zu stellen.

Was ist eine Aura?

Zusätzlich zu den typischen Symptomen kann bei der Migräne bei Kindern auch eine sogenannte Aura auftreten. Das Symptom kann eine vorübergehende Sehstörung mit Augenblitzen von vier Minuten bis zu einer Stunde, Kribbeln und Kraftlosigkeit in einem Arm oder Bein, sowie Sprachstörungen beinhalten. Eine Migräne kann auch nur aus einer Aura ohne Kopfschmerzen bestehen.

Wie der Kinderarzt eine Migräne behandelt

Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Sie vertragen nicht die gleichen Wirkstoffe wie Erwachsene. Gib Deinem Nachwuchs also auf keinen Fall etwas von Deinen Medikamenten gegen Migräne oder kaufe ein frei verkäufliches Präparat in der Apotheke. Kinderärzte empfehlen zunächst Paracetamol oder Ibuprofen, die gängigen Schmerzmittel für Kinder. Hat Dein Kind mehr als drei starke Migräneanfälle im Monat, kann der Neuropädiater (Neurologe für Kinder) oder Euer Kinderarzt stärkere Wirkstoffe verschreiben. Es ist sehr wichtig, dass Du zusammen mit Deinem Kind ein Kopfschmerztagebuch führst und alle wichtigen Ereignisse und Medikamentengaben dort einträgst. So können die Ärzte genau beurteilen, was Deine Tochter oder Dein Sohn braucht.

Was Dein Kind gegen seine Migräne tun kann

Neben einer Behandlung mit Medikamenten können auch Entspannungsverfahren und einige Verhaltensregeln helfen, Migräneattacken zu erleichtern oder gar nicht erst aufkommen zu lassen.

→ Autogenes Training: Eine Form der Selbsthypnose, die die Atmung und den Puls verlangsamen und den ganzen Körper entspannen und beruhigen kann. Die Entspannung erfolgt über Konzentration. Kinder können autogenes Training in Kursen erlernen.

→ Muskelentspannung nach Jacobson: Dein Kind lernt bei dieser Entspannungsmethode einzelne Muskelgruppen erst anzuspannen und dann wieder zu entspannen. Eine Fantasiereise hilft vielen kleinen Patienten dabei, sich zu konzentrieren.

→ Ein geregelter Tagesablauf mit genügend Schlaf, Aktivitäten an der frischen Luft, viel Flüssigkeit und einer ausgewogenen Ernährung kann ebenfalls helfen, Migräneanfälle zu reduzieren. Jedes Kind hat seine eigenen Trigger, wie zum Beispiel Schlafentzug, Schokolade oder Stress.

→ Eventuell kann sich das Streichen einzelner Nahrungsmittel aus dem Speiseplan Deines Kindes positiv auf die Erkrankung auswirken. Bekannt als Trigger für Migräneanfälle sind zum Beispiel Schokolade, Kuhmilch sowie Zitrusfrüchte. Integriere die Ernährung am besten in das Kopfschmerztagebuch und lasse die einzelnen Nahrungsmittel nacheinander für mehrere Tage weg.

Alarmzeichen, die Dich aufmerksam machen sollten

Leidet Dein Kind häufig an Kopfschmerzen oder anderen Symptomen einer Migräne, überweist Euch der Kinderarzt zu einem Neuropädiater. Der Spezialist führt eine Reihe an Untersuchungen durch (MRT, EEG, Bluttests), um am Ende sicher die Diagnose Migräne stellen zu können. Du lernst mit der Zeit, die Beschwerden Deines Kindes richtig einzuschätzen. Trotzdem können Kopfschmerzen auch einmal andere Ursachen haben.

Anzeichen und Symptome von Migräne beim Kind

Folgende Symptome sollten Dich hellhörig machen, da sie Anzeichen für eine akute Infektion wie eine Hirnhautentzündung (Meningitis) oder ein ernsthaftes Problem im Gehirn (Schlaganfall, Gehirntumor, Hirnblutung) sein können:

  •  heftigere Kopfschmerzen als gewöhnlich
  •  eine ungewohnte Lokalisation des Schmerzes
  •  lange Dauer der Schmerzen
  •  Fieber
  •  Nackenschmerzen
  •  Nackensteifigkeit
  •  unterschiedlich große Pupillen
  •  Gleichgewichtsstörungen
  •  Sehstörungen
  •  wiederholtes Nüchternerbrechen am Morgen

Bitte stell Dein Kind dem Kinderarzt vor, wenn Du diese Symptome beobachtest. Halten Kopfschmerzen bei Kindern länger als zwei bis drei Tage an, ist es ebenfalls Zeit, den Rat eines Arztes einzuholen.

Quellen

  • Richard Michaelis, Entwicklungsneurologie und Neuropädiatrie: Grundlagen und diagnostische Strategien, Georg Thieme Verlag, Stuttgart 2004
  • Michael J. Lentze, Jürgen Schaub, Franz-Josef Schulte, Jürgen Spranger; Pädiatrie: Grundlagen und Praxis; Springer Verlag; Heidelberg 2013
  • Stephan Illing, Martin Claßen; Klinikleitfaden Pädiatrie; Urban & Fischer, München 2009