Kinderrheuma: Ursachen und Behandlung von Arthritis beim Kind

Chronische Erkrankungen bei Kindern verändern das Leben der gesamten Familie. Rheuma bei Kindern, seine Symptome, seine Ursachen und seine Behandlung nehmen viel Zeit und Nerven von Dir und Deiner Partnerin in Anspruch. Vielleicht wusstest Du noch gar nicht, dass Rheuma Kinder betreffen kann.

Autorin: Jessica Kilonzo, Fachärztin für Kinderheilkunde

Im Alltag verbinden die meisten Menschen die Erkrankung eher mit älteren Menschen. Aber schon Kleinkinder können an einem Rheuma der Gelenke, einer sogenannten Arthritis, erkranken. Meist fallen sie nicht durch Schmerzen auf, sondern durch veränderte Verhaltensweisen. Sie möchten nicht mehr laufen, leiden an Morgensteifigkeit der Gelenke oder verweigern feste Nahrung, die gut gekaut werden muss.

rheumatoide arthritis bei kindern
Rheumatoide arthritis ( X-ray Bild Kinderhand ) Copyright: stockdevil bigstockphoto

Was ist Kinderrheuma?

Unter dem Begriff „Rheuma“ fassen Mediziner verschiedene rheumatische Erkrankungen zusammen, die bei Kindern und Jugendlichen auftreten können. Es geht immer um eine Entzündungsreaktion. Entweder sind verschiedene Gelenke betroffen, das Bindegewebe, die Augen oder innere Organe.

Häufigkeit von Kinderrheuma
In den meisten Fällen leiden die betroffenen Kinder an einer chronischen Arthritis, einer Entzündung der Gelenke. Kinderärzte diagnostizieren circa 1000 neue betroffene Kinder und Jugendliche pro Jahr. Insgesamt sind ungefähr 40.000 junge Patienten an Kinderrheuma erkrankt.

Stellt ein Kinderrheumatologe die Diagnose so früh wie möglich und kann die Therapie schnell starten, stehen die Chancen für einen positiven Verlauf am besten. Medikamente und Physiotherapie können die Symptome bei vielen Patienten eindämmen und eventuell sogar heilen. Es ist sehr wichtig, die erkrankten Gelenke zu schonen. Kinder und Jugendliche profitieren von besonderen Sportangeboten, die ihre Entwicklung altersgemäß unterstützen.

5 Fakten zum Thema Rheuma bei Kindern und Jugendlichen

  1.  Kindliches Rheuma tritt in verschiedenen Unterformen auf.
  2.  Die juvenile idiopathische Arthritis ist eine chronische Erkrankung, kann aber zur Ruhe gebracht oder auch geheilt werden.
  3.  Eine frühzeitige Diagnose und sorgfältige Behandlung ist besonders wichtig für einen positiven Verlauf des Kinderrheumas.
  4.  Geschwisterkinder haben lediglich ein Risiko von 0,5 Prozent, auch an Rheuma zu erkranken.
  5.  Ein Behandlungsteam, das sich neben einem Kinderrheumatologen aus Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Psychologen und
    Sozialpädagogen zusammensetzt, begleitet Dein Kind und Dich durch die Erkrankung.

 

Die juvenile idiopathische Arthritis

Beginnt eine rheumatische Erkrankung vor dem 16. Lebensjahr, dauert bereits mindestens sechs Wochen und ist nicht das Symptom einer anderen Grunderkrankung, spricht der Kinderarzt von einer juvenilen idiopathischen Arthritis (JIA). Früher wurde die Erkrankung juvenile chronische Arthritis genannt.

Das Abwehrsystem des Körpers greift aus Versehen die Innenhaut in verschiedenen Gelenken an. Eine schmerzhafte Entzündung ist das Resultat. Im Rahmen des entzündlichen Prozesses schwillt die Gelenkinnenhaut an und stellt mehr Gelenkflüssigkeit her als üblich.

Es entsteht ein Erguss und das Gelenk wird dick. Besteht die Entzündung unbehandelt über längere Zeit, kann sie dem Knochen, dem schützenden Knorpel, sowie Bändern und Sehnen schaden. Die juvenile idiopathische Arthritis ist eine chronische Erkrankung und kann im schlimmsten Fall die betroffenen Gelenke zerstören.

Eine sorgfältige Behandlung ist also dringend notwendig. Hat Euer Kinderarzt den Verdacht, dass Dein Kind an einer Form von Kinderrheuma leidet, wird er Euch zu einem Kinderrheumatologen überweisen, um die bestmögliche Therapie zu erreichen. Ungefähr die Hälfte der betroffenen Kinder leidet auch im Erwachsenenalter noch an Rheuma. Bei den anderen 50 Prozent heilt die Erkrankung aus.

 

Die verschiedenen Unterformen der juvenilen idiopathischen Arthritis

Immer davon abhängig, wieviele Gelenke oder welche zusätzlichen Organe von Rheuma betroffen sind, unterscheiden Kinderärzte verschiedene Subtypen oder Formen der JIA.

 

Die systemische juvenile idiopathische Arthritis (Morbus Still)

Hier ist der gesamte Organismus erkrankt. Meist sind die ersten Symptome hohes Fieber und ein Hautausschlag am Abend. Die Entzündung der Gelenke fällt erst im Verlauf auf. Kniegelenke, Hüftgelenke oder Schultergelenke sind besonders häufig betroffen. Eine Beteiligung innerer Organe ist möglich. Typischerweise sind die Patienten im Kindergartenalter oder in der Grundschule.

 

Die Oligoarthritis

Bei dieser Form sind circa ein bis vier große Gelenke erkrankt. Kniegelenk und Sprunggelenk führen die Liste an. Statistisch gesehen sind Mädchen im Alter von zwei bis sechs Jahren am häufigsten betroffen. Die Regenbogenhaut der Augen kann ebenfalls entzündet sein. Kinderärzte sprechen von einer chronischen Iridozyklitis.

 

Die seronegative Polyarthritis

In diesem Fall sind viele (fünf und mehr) kleine Gelenke entzündet. Meist handelt es sich um die kleinen Fingergelenke. Mädchen im Vorschulalter sind häufig betroffen. Seronegativ bedeutet, dass im Blut kein bestimmter Marker für die Erkrankung, der sogenannte Rheumafaktor, nachweisbar ist.

 

Die seropositive Polyarthritis

Diese seltene Form der JIA betrifft meist Mädchen im Teenageralter. Es sind am Anfang fünf oder mehr kleine Gelenke erkrankt. Seropositiv bedeutet, dass im Blut der sogenannte Rheumafaktor nachweisbar ist. Der Faktor definiert die seropositive Polyarthritis.

 

Die Enthesitis-assoziierte Arthritis

Diese Form der JIA betrifft meist Jungen in der Pubertät. Es sind nicht nur die Gelenke, sondern auch die Ansätze der Sehnen und eventuell die Sehnenscheiden entzündet. Typischerweise befällt die Erkrankung wenige der großen Gelenke an Beinen und Füßen.

 

Die Psoriasisarthritis

Liegt bei einem Kind eine Schuppenflechte (Psoriasis) vor, kann eine Entzündung von unterschiedlich vielen Gelenken begleitend auftreten. Die Gelenke an Händen und Füßen schwellen bei manchen Kindern schon an, obwohl noch gar keine Hauterscheinungen zu beobachten sind. Das typische Alter, in dem die ersten Symptome der Psoriasisarthritis beginnen, ist das fünfte und sechste Lebensjahr.

 

Weitere Formen der juvenilen idiopathischen Arthritis

Undifferenzierte Arthritis: kein definierter Subtyp trifft zu
Borrelien Arthritis: Gelenkentzündung aufgrund einer Infektion mit durch Zecken übertragenen Borrelien
Arthritis als Symptom einer immunologischen Erkrankung, wie Morbus Crohn, Colitis ulcerosa, Lupus erythematodes, Dermatomyositis, Sklerodermie

 

Typische Ursachen einer juvenilen idiopathischen Arthritis

Bis heute sind die genauen Ursachen von Rheuma bei Kindern und Jugendlichen nicht sicher geklärt. Vererbung spielt eine untergeordnete Rolle. Das Risiko, dass Du ein weiteres Kind mit Rheuma bekommst, beträgt nur 0,5 Prozent. Ein fehlgeleitetes Immunsystem greift plötzlich seine eigenen Zellen an, im Falle Deines erkrankten Kindes die Zellen der Gelenkinnenhaut. Eventuell ging eine bakterielle Infektion dem Rheuma voraus, Umweltfaktoren spielen ihren Einfluss aus oder Dein Kind ist in eine starke psychische Stresssituation geraten. Viele verschiedene Faktoren können hier zusammenkommen. Du trägst in keinem Fall die Schuld an der Erkrankung. Rheuma bekommt ein Kind nicht, weil seine Eltern es falsch ernährt oder falsch behandelt haben.

 

Kinderrheuma Symptome

Bei Kindern zeigt sich Rheuma anders als bei erwachsenen Patienten

Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Diese Tatsache zeigt sich auch bei der juvenilen idiopathischen Arthritis. Kleinkinder und Kinder im Kindergarten- und Grundschulalter sprechen häufig nicht über ihre Gelenkschmerzen. Sie schonen das betroffene Gelenk, um Schmerzen zu vermeiden.

Wenn Dein Kind plötzlich nicht mehr laufen möchte, morgens nicht in den Gang kommt oder feste Nahrung verweigert, solltest Du hellhörig werden. Vielleicht krabbelt Dein Kind auch wieder, anstatt zu laufen oder verweigert plötzlich den Sportunterricht. Schulkinder klagen dahingegen gerne mal über Gelenkschmerzen, speziell der Kniegelenke, die aber nichts mit Rheuma zu tun haben müssen. Es kann sich hier um sogenannte Wachstumsschmerzen handeln. Sie treten meist abends und nachts auf. Schmerzen durch Rheuma sind morgens am stärksten, wenn sich die Gelenke die ganze Nacht nicht bewegt haben. Beobachtest Du, dass das schmerzende Gelenk warm und geschwollen ist, bring Dein Kind bitte zum Kinderarzt. Die Symptome sprechen für einen entzündlichen Prozess und sollten dringend untersucht werden.

 

Wie der Kinderrheumatologe Deinem Kind helfen kann

Jede Unterform der juvenilen idiopathischen Arthritis behandelt der Kinderarzt anders. Da die Therapie sehr komplex ist und außerdem ein Team aus einem Rheumaspezialisten, Krankengymnasten, Ergotherapeuten, Psychologen und Sozialarbeiten erfordert, erfolgt sie meist in einer speziellen Rheumaambulanz für Kinder und Jugendliche. Euer gemeinsames Ziel ist es, die Entzündung der Gelenke und Organe einzudämmen, um so Schmerzen und den Verlust der Gelenkfunktion zu vermeiden. Zusätzlich ermöglicht eine optimale Therapie Deinem Kind eine körperliche und geistige Entwicklung, die seinem Alter entspricht.

 

Medikamente gegen JIA

Der Kinderarzt, der Dein Kind betreut, wird einen individuellen Behandlungsplan zusammenstellen und mit Euch besprechen. Medikamente, die bei Kinderrheuma eingesetzt werden können, sind

Nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR),
Glukokortikoide (Kortison),
Basismedikamente wie Methotrexat (MTX) sowie
Biologika (Etanercept, Adalimumab).

Neben Medikamenten, Physiotherapie und Ergotherapie ist auch die Schulung von Eltern und Patienten ganz wichtig. Nur wenn Du Dich mit der Erkrankung Deines Kindes auskennst und auch Deine Tochter oder Dein Sohn weiß, warum sie oder er Medikamente nehmen muss und woher die Schmerzen kommen, könnt Ihr das Rheuma zusammen in den Griff bekommen.

Quellen und Literatur:

  • Christian Speer, Manfred Gahr, Pädiatrie, Springer Medizin Verlag Heidelberg, 2005
  • Schönau et.al., Pädiatrie integrativ, Konventionelle und komplementäre Therapie, Urban & Fischer, München 2005
  • Stephan Illing, Martin Claßen; Klinikleitfaden Pädiatrie; Urban & Fischer, München 2009
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