Diabetes bei Kleinkindern Anzeichen » Das sagt der Kinderarzt

Was bedeutet Diabetes mellitus bei Kindern

Autorin: Jessica Kilonzo, Fachärztin für Kinderheilkunde

Als Eltern wünschen wir uns am meisten auf der Welt gesunde und glückliche Kinder. Mit Magen-Darm-Grippe, Husten, Schnupfen und Fieber kommen wir noch zurecht. Was aber ist, wenn unser Kind an einer chronischen Krankheit leidet? Einer Krankheit, die das ganze Familienleben auf den Kopf stellt?

Diabetes mellitus ist so eine Erkrankung. Im Volksmund als „Zuckerkrankheit“ bezeichnet ist sie die häufigste Stoffwechselerkrankung im Kindesalter in Deutschland. Schätzungsweise 16.000 Kinder und Jugendliche sind aktuell betroffen. Kleinkinder leiden am Typ-1-Diabetes, einer Autoimmunerkrankung.

Der Körper zerstört die Beta-Zellen der Bauchspeicheldrüse, die das Hormon Insulin herstellen. Ohne Insulin kann der Blutzuckerspiegel nicht geregelt werden.

Diabetes bei Kleinkindern

Diabetes bei Kleinkindern » Das sagt der Kinderarzt, Copyright: robertprzybysz bigstockphoto, Netpapa.de

Stellt der Kinderarzt bei Deinem Kind einen Diabetes mellitus fest, ändert sich Euer Leben zunächst. Dank moderner Medikamente und Technologie kann die Medizin dem kleinen Patienten aber optimal helfen und Ihr werdet bald zurück in den Alltag finden.

Was ist Diabetes mellitus eigentlich genau?

Du hast sicher schon oft von der Zuckerkrankheit gehört. Vielleicht im Familienkreis bei einem älteren Menschen, der die Diagnose Typ-2-Diabetes erhalten hat und jetzt mehr auf seine Ernährung achtet oder im Zusammenhang mit einer Schwangerschaft, die aufgrund eines speziellen Gestationsdiabetes besonders vom Frauenarzt überwacht wird. Kleinkinder bekommen eine andere Art von Diabetes, den Diabetes mellitus vom Typ 1. Hier zerstört das fehlgeleitete Immunsystem die Zellen der Bauchspeicheldrüse, die das Hormon Insulin produzieren.

Insulin reguliert den Blutzuckerspiegel im Körper. Ist es nicht ausreichend vorhanden, steigt die Konzentration des Blutzuckers akut und stört den Energiestoffwechsel des Körpers. Der Organismus scheidet den unverwerteten Zucker über die Nieren aus, sodass der Urin plötzlich süß schmeckt. Bereits in der Antike erkannten Ärzte so die Stoffwechselerkrankung und nannten sie Diabetes mellitus, was für „honigsüßen Harndurchfluss“ steht. Diabetes mellitus vom Typ 1 ist nicht heilbar. Ist Dein Kind betroffen, wird es sein Leben lang auf eine Behandlung mit dem Hormon Insulin angewiesen sein.

Was das wichtige Hormon Insulin für Aufgaben hat

Zucker (Kohlehydrate) ist ein wichtiger Energiebaustein für den menschlichen Organismus, der mit der Nahrung geliefert wird. Ein hoher Zuckerspiegel im Blut regt die Ausschüttung des Hormons Insulin an. Das Insulin funktioniert wie ein Schlüssel und öffnet die Zellen von Leber, Muskulatur und Fettgewebe für den Zucker. Hier findet die Gewinnung und Speicherung von Energie statt. Der Blutzuckerspiegel sinkt wieder auf seinen Normalwert. Weitere Rollen spielt das Insulin im Stoffwechsel von Eiweiß und Fett.

Anzeichen von Diabetes – Wenn ein Kleinkind plötzlich ständig Durst hat

Erste typische Anzeichen für einen Diabetes sind starker Durst und ein verstärkter Harndrang. Dir fällt auf, dass die Windel Deines Kleinkindes ständig überläuft, Du kannst den Trinkbecher gar nicht schnell genug nachfüllen und mit der Laune Deines Nachwuchses steht es auch nicht zum Besten. Weitere mögliche Symptome sind:

  • Bauchschmerzen
  • Müdigkeit
  • Gewichtsabnahme, obwohl Dein Kind viel isst
  • gehäufte Infekte
  • trockene Haut
  • Sehstörungen

Bitte geh mit Deinem Kind zu Eurem Kinderarzt, wenn Du diese Beschwerden bemerkst. Direkt in die Notaufnahme einer Kinderklinik solltest Du gehen, wenn Dein Kind zusätzlich eigenartig atmet, erbricht, deutlich nach Aceton riecht und nicht richtig ansprechbar ist. All diese Zeichen weisen auf eine plötzliche Entgleisung des Stoffwechsels Deines Kindes hin. Die sogenannte diabetische Ketoazidose ist ein Notfall. Der Blutzuckerspiegel ist viel zu hoch und kann zum Koma führen. In der Kinderklinik behandeln die Ärzte den kleinen Patienten sofort mit Insulin und gleichen den Stoffwechsel wieder aus.

Wie der Kinderarzt einen Diabetes mellitus beim Kleinkind behandelt

Normalerweise beginnt die Behandlung eines neu festgestellten Diabetes bei einem Kleinkind stationär in der Kinderklinik. Natürlich wird ein Elternteil mit auf die Station aufgenommen. Du kannst Dich auch mit Deiner Partnerin bei der Betreuung abwechseln.

Zu Beginn ist bei vielen Kindern eine Insulintherapie über die Vene notwendig. Der Blutzucker wird engmaschig kontrolliert und der Flüssigkeitshaushalt wieder ins Gleichgewicht gebracht. Für Dich, Dein Kind und die ganze Familie herrscht gerade ein Ausnahmezustand. Vertraue dem Team aus Kinderärzten, Kinderkrankenschwestern und -pflegern sowie Ernährungsberatern. Sie alle wissen was sie tun und haben das Ziel, Deinem Kind und Dir die Situation so leicht wie möglich zu machen.

Prozeduren wie Blutentnahmen können mit viel Ablenkung und speziellen Pflastern und Salben, die die Haut betäuben, fast oder ganz schmerzfrei ablaufen. Für die Blutzuckermessung entnimmt zunächst eine Kinderkrankenschwester mehrmals täglich einen winzigen Tropfen Blut aus einer Fingerspitze. Die Nadeln, die sie hierfür benutzt, sind so fein, dass Dein Kind den Einstich kaum bemerkt. Nach und nach bringen die Schwestern und Pfleger Dir und Deiner Partnerin das Blutzuckermessen bei.

Denn ein Kleinkind kann das noch nicht selbst übernehmen. Versuche für alles Neue offen zu sein und Dein Kind nicht mit Deiner eigenen Angst zu beunruhigen. Nimm alle Gesprächsangebote der Kinderklinik von Ärzten, Pflegepersonal und Sozialarbeitern an. Auch für Dich hat sich das Leben völlig unerwartet entschieden verändert.

 

Diabetes bei Kleinkindern – Insulin und Ernährung

In den ersten Wochen wirst Du viel über Zuckerstoffwechsel und Ernährung lernen. Ihr geht erst nach Hause, wenn Ihr genau wisst, wie Ihr das Insulin dosiert und es verabreicht und wie Ihr den Zuckergehalt (die Kohlehydrateinheiten) der Nahrung berechnet. Die behandelnden Ärzte haben ein gemeinsames Ziel mit Dir. Dein Kind soll sich körperlich und seelisch ganz normal entwickeln und möglichst wenig Folgeschäden erleiden. Der Schlüssel ist eine optimale Einstellung des Blutzuckerspiegels durch Gabe von Insulin.

Die intensivierte Insulintherapie

Für Kleinkinder empfiehlt die Deutsche Diabetes Gesellschaft hauptsächlich eine sogenannte intensivierte Insulintherapie. Hier kombiniert der Kinderarzt Spritzen mit einem Langzeitinsulin für den täglichen Grundbedarf mit einem schnell wirkenden Insulin als Bolus vor jeder Mahlzeit.

Du berechnest die genaue Menge an Insulin vor jeder Gabe mit dem aktuellen Blutzuckerwert und der geplanten Menge an Kohlehydraten. Ganz wichtig ist auch das Abschätzen, wie stark Dein Kind in den kommenden Stunden körperlich aktiv sein wird. Da es zum Beispiel beim Sport einige Energie in Form von Zucker verbrauchen wird, musst Du die Insulinmenge entsprechend anpassen. Sonst besteht die Gefahr, dass der kleine Patient unterzuckert. Die intensivierte Insulintherapie kann den Blutzuckerspiegel sehr gut konstant halten, ist aber auch mit viel Aufwand und mehreren Insulininjektionen täglich verbunden. Zu Beginn brauchst Du viel Übung und eine ausführliche Schulung, bis Du Dein Kind alleine betreuen kannst. Hast Du Dich erstmal in die Situation eingefühlt, bist Du bald ein Spezialist für Diabetes und kennst den Stoffwechsel Deines Kindes ganz genau.

Die Behandlung mit einer Insulinpumpe

Kleinkinder und ihre Eltern kommen im Alltag häufig besser mit einer Insulinpumpe zurecht, als mit Spritzen. Trotzdem ist es sehr wichtig, dass Du auch Injektionen durchführen kannst. Schließlich kann so eine Pumpe in den ungünstigsten Momenten kaputtgehen. Dein Kind trägt die kleine Pumpe am Körper und ein kleiner Schlauch wird über eine dünne Kanüle in die Bauchhaut eingeführt. Regelmäßig gibt die Pumpe jetzt die Basismenge Insulin ab. Zu den Mahlzeiten messt Ihr den Blutzucker und gebt per Knopfdruck den notwendigen Insulinbolus hinzu.

Wenn Eltern wieder in die Schule gehen

In der Kinderklinik erhalten die Eltern von an Diabetes mellitus erkrankten Kindern eine ausführliche Schulung zur Erkrankung ihrer Kinder. Ist Dein Kind kein Baby mehr, kann es ebenfalls zeitweise an der Schulung teilnehmen. Ärzte, Pflegepersonal und Ernährungsberater haben Erfahrung in der altersgerechten Vermittlung von Wissen. Dein Kind lebt von jetzt an mit seiner Erkrankung und wird nach und nach selbst Verantwortung für die Therapie übernehmen.

 

Wichtige Themen der Diabetes Schulung sind zum Beispiel:

  • die Berechnung der Kohlehydrateinheiten von Lebensmitteln
  • eine gesunde Ernährung generell
  • Diabetes und Sport
  • Vorbeugen von Übergewicht
  • Handhabung der Therapie im Kindergarten
  • die notwendige Behandlungsdisziplin
  • die psychosoziale Belastung der Familie
  • Zukunftsaussichten für Dein Kind

 

Nochmal eben in die Flitterwochen

Wunder Dich nicht, wenn es Deinem Kind nach der ersten Krankheitsphase plötzlich besser zu gehen scheint. Bei bis zu 80 Prozent der Patienten sinkt der Insulinbedarf auf einmal deutlich. Mediziner sprechen von der Honeymoon-Phase (Flitterwochen auf Deutsch). Die Bauchspeicheldrüse erholt sich kurzfristig und kurbelt die Produktion von Insulin nochmal an. Nach einigen Wochen bis Monaten lässt die Produktion jedoch wieder nach und Dein Kind pendelt sich auf seinen eigenen Insulinbedarf ein.

Spätfolgen von Diabetes mellitus Typ 1

Auch mit einem Diabetes mellitus wird Dein Kind sehr wahrscheinlich ein weitgehend normales Leben führen. Ein gesunder Lebensstil und eine genaue Einstellung des Blutzuckerspiegels sind dabei aber sehr wichtig. Hat Dein Kind häufig deutlich zu viel Zucker im Blut, können verschiedene Spätfolgen auftreten. Probleme können hier bereits mit 20 Lebensjahren auftreten. Erziehe Dein Kind schon jetzt in diesem Wissen und mach Dich darauf gefasst, dass immer wieder schwierige Phasen kommen werden, in denen Deine Tochter oder Dein Sohn denn Sinn der konsequenten Therapie nicht einsieht. Gerade Teenager sind bekannt dafür, den Blutzucker einfach mal nicht zu messen und ausgedachte Werte in ihr Blutzuckertagebuch zu schreiben. Aber vergiss auch dann das wichtigste Eltern-Mantra nicht: es ist nur eine Phase!

Diabetes bei Kleinkindern Das Blutgefäßsystem

Ein hoher Blutzucker kann auf Dauer die kleinen und großen Blutgefäße schädigen. Es können Durchblutungsstörungen folgen, die im Fall der Herzkranzgefäße und der Halsschlagadern zu einem Herzinfarkt oder einem Schlaganfall führen können.

Die Augen

Auch die Netzhaut der Augen ist von winzigen Blutgefäßen durchzogen. Ein schlecht eingestellter Diabetes mellitus, der bereits seit dem Kleinkindalter besteht, kann später aufgrund von Durchblutungsstörungen der Netzhaut zu Erblindung führen. Regelmäßige Kontrollen beim Augenarzt gehören daher für jeden Diabetiker dazu.

Die Nieren

Ein Diabetes mellitus kann auf lange Zeit gesehen die Nieren angreifen und bis zu einem Nierenversagen führen. Der Kinderarzt wird regelmäßig den Urin Deines Kindes auf Eiweiß untersuchen, um erste Alarmzeichen nicht zu verpassen.

Fragen an den Kinderarzt zu Diabetes bei Kleinkindern

Wie bemerke ich eine Unterzuckerung beim Kind?

Eine mögliche Komplikation, die bei einer Diabeteserkrankung stets im Raum steht, ist die Unterzuckerung. Ärzte sprechen von einer Hypoglykämie. Eine Unterzuckerung kann entstehen, wenn Dein Kind zu wenig isst, wenn es zu viel Insulin bekommen hat, wenn es im Rahmen einer Magen-Darm-Grippe erbricht oder sich auf dem Spielplatz zu sehr verausgabt. Du bemerkst den abgestürzten Blutzuckerspiegel daran, dass Dein Kind plötzlich blass aussieht, schwitzt, eventuell zittert und Herzklopfen bekommt. Gibst Du ihm nicht schnell etwas Zucker in Form von Apfelsaft oder Traubenzucker, kann es zu Krampfanfällen oder Bewusstlosigkeit kommen.

Warum bekommt mein Opa Tabletten gegen seinen Diabetes und mein Kind muss Insulin spritzen?

Bei einem Diabetes vom Typ 2, der eher ältere Leute oder stark übergewichtige Jugendliche befällt, produziert die Bauchspeicheldrüse immer noch Insulin, es wirkt nur nicht adäquat. Daher helfen dem Opa Tabletten. Dein Kind benötigt aber das Hormon Insulin. In Tablettenform würde die Magensäure es zersetzen, daher ist eine Injektion notwendig.

Diabetes – Darf mein Kind jetzt nie wieder Süßigkeiten essen?

Dein Kind darf immer noch eine ausgewogene Mischkost und auch ab und zu Süßigkeiten essen. Du musst es nicht von jedem Kindergeburtstag fernhalten, nur die Kohlehydrateinheiten von Gummibärchen und Schokolade einberechnen, wenn es um die Insulindosierung geht. Als Alternative kannst Du zuckerfreie Süßigkeiten einsetzen. Da freuen sich auch gleich die Zähne und Euer Zahnarzt!

Darf mein Kind geimpft werden, wenn bei ihm ein Diabetes mellitus festgestellt wurde?

Kinder mit Diabetes mellitus, deren Blutzucker gut eingestellt ist, sind nicht häufiger krank als andere Kinder auch. Ihre Erkrankung hat keinen Einfluss auf die Verträglichkeit der von der STIKO empfohlenen Schutzimpfungen. Ein zusätzlicher Grund, Dein Kind zu impfen ist die Tatsache, dass ein Diabetiker im Rahmen einer Infektionserkrankung immer der Gefahr von Stoffwechselkomplikationen ausgesetzt ist.

Kann mein Kind trotz Diabetes mellitus in den Kindergarten gehen?

Selbstverständlich kann Dein Kind in den Kindergarten und später in die Schule und den Hort gehen. Du hast verschiedene Möglichkeiten, die Betreuung des Diabetes im Kleinkindalter zu organisieren. Entweder gehst Du selbst im Kindergarten vorbei, um den Blutzucker zu messen und das Insulin zu spritzen. Oder Du findest eine Vertrauensperson im Kindergarten, die in die Aufgabe eingewiesen wird. Falls diese Lösungen nicht funktionieren, kannst Du auch noch einen ambulanten Pflegedienst beauftragen, der Dein Kind im Kindergarten betreut. Schulkinder sind meist selbst in der Lage, den Blutzucker zu messen und Insulin per Pumpe oder Spritze zu injizieren. In jedem Fall müssen die Erzieher und Lehrer genau über den Diabetes mellitus Deines Kindes informiert sein und einen Notfallplan haben.

Kann mein Kind trotz Diabetes später selbst Kinder bekommen?

Ein schlecht eingestellter Diabetes mellitus kann bei Männern zu einem verringerten Samenvolumen führen. Geht Dein Sohn aber achtsam mit seinem Körper und seiner Gesundheit um, spricht in den meisten Fällen nichts dagegen, später selbst Papa zu werden. Leidet Deine Tochter an Diabetes mellitus, wird der Frauenarzt ihre Schwangerschaft gut überwachen und auf einen gut eingestellten Blutzuckerspiegel achten. Auch in diesem Fall spricht nichts gegen eigene Kinder.

 

Quellen und Literatur:

  1. – E.Schönau, Pädiatrie integrativ: Konventionelle und komplementäre Therapie, Urban & Fischer, München 2005
  2. – Thomas Baumann, Atlas der Entwicklungsdiagnostik, Thieme Verlag, Stuttgart 2017
  3. – Deutsche Diabetes Gesellschaft, Evidenzbasierte Leitlinien zu Diabetes mellitus im Kinder- und Jugendalter, 2016

auf Netpapa® schreibt

Mario Foerster, Redaktion Netpapa.de

Als begeisterter Vater bin ich Herausgeber von Netpapa.de eines der größten deutschsprachigen Magazine für Männer und Väter. Ich freue mich, Dir gemeinsam mit anderen Autoren viele interessante Themen vorstellen zu können.


Bewerten Sie jetzt den Artikel:
Einige Informationen fehlen noch!Hat mir nicht so gut weitergeholfenHat mir gefallen - aber nicht richtig geholfen!Hat mir geholfen und gut gefallenArtikel hat mir sehr gut gefallen (3 Punkte )
Loading...