Sehschwächen bei Kindern erkennen » Das sagt der Kinderarzt:

Unbemerkte Augenerkrankungen – Kann Dein Kind wirklich gut sehen?

Autorin: Jessica Kilonzo, Fachärztin für Kinderheilkunde

Die Sehkraft ist eines unserer wichtigsten Sinnesorgane. Bei Kindern entwickelt sie sich in den ersten Lebensjahren erst nach und nach. Eventuelle Sehschwächen sind oft schwer zu erkennen. Das kindliche Gehirn kann noch viele Defizite ausgleichen.

Gleichzeitig sind die ersten Lebensjahre eine wichtige Zeit, um zum Beispiel durch eine Brille eine Sehschwäche bei Kindern zu korrigieren und den Betroffenen eine normale Entwicklung zu ermöglichen. Bei circa 30 Prozent der Kinder in Deutschland wird ein Sehfehler festgestellt. In diesem Ratgeber stellen wir Dir die wichtigsten Sehschwächen vor.

Augenerkrankungen
Sehschwächen bei Kindern erkennen – Copyright: kadmy bigstockphoto, Netpapa.de

 

Die häufigsten Sehschwächen bei Kindern

Kinderarzt und Augenarzt können Deinem Kind gemeinsam helfen. Moderne Untersuchungsmethoden machen eine sichere Diagnose schon bei Säuglingen möglich.

Trägst Du eine Brille oder hat die Mutter Deines Kindes eine Sehschwäche? Dann ist eine frühe augenärztliche Untersuchung Deines Kindes sinnvoll. Schon nach der Geburt oder in den ersten Lebensmonaten kann eine Vorstellung beim Augenarzt erfolgen. Der Kinderarzt kann nur grobe Auffälligkeiten feststellen, da er nicht über die notwendigen Geräte verfügt. Auf Kinder spezialisierte Augenärzte und sogenannte Sehschulen in Augenkliniken können selbst bei Säuglingen einen Sehtest durchführen.

Dazu kannst Du Dein Baby einfach auf den Schoß nehmen und der Augenarzt misst die Werte, ohne den kleinen Patienten zu ärgern. Das Messgerät berührt das Gesicht Deines Kindes gar nicht. Auch ohne familiäre Vorbelastung solltest Du sofort mit Deinem Sohn oder Deiner Tochter zum Augenarzt gehen, wenn Dir etwas Ungewöhnliches an den Augen auffällt. Kleine Kinder merken häufig nicht, dass sie gar nicht richtig sehen können. Sie haben ja keinen Vergleich und das Gehirn gleicht noch viel aus. Vielleicht ist auch nur ein Auge betroffen.

Aus dieser Situation kann das Problem entstehen, dass das schwächere Auge irgendwann ganz abschaltet und Dein Kind das dreidimensionale Sehen nicht mehr erlernen kann.

Sinnvolle Zeitpunkte für eine augenärztliche Untersuchung

  • Ab Geburt bis zum ersten Geburtstag, wenn ein erhöhtes Risiko für eine Fehlsichtigkeit besteht, zum Beispiel aufgrund von Erkrankungen Deines Kindes oder durch eine familiäre Vorbelastung.
  • Spätestens bis zu einem Alter von 3,5 Jahren sollte eine Vorsorgeuntersuchung beim Augenarzt stattgefunden haben. Oft ist eine Sehschwäche bei Kindern im Alltag nicht zu erkennen.

 

 

Die Weitsichtigkeit beim Kind (Hyperopie)

Im Kleinkindalter ist eine leichte Weitsichtigkeit ganz normal. Die Linsen der Augen sind extrem elastisch und stellen ohne Problem auch Dinge scharf dar, die sich in unmittelbarer Nähe befinden. Liegt eine krankhafte Weitsichtigkeit vor, müssen sich die Augenmuskeln Deines Kindes ständig anstrengen, um ein scharfes Bild an das Gehirn zu liefern. Das kann langfristig zu Schmerzen der Augen, Kopfschmerzen und Schielen führen.

 

Wie der Augenarzt eine Weitsichtigkeit behandeln kann

Eine leichte Weitsichtigkeit kann der Augenarzt zunächst beobachten. Da Kinderaugen noch wachsen, gleicht sich die Fehlsichtigkeit eventuell bald aus. Ist dies nicht der Fall, bekommt Dein Kind eine Brille. Das ist besonders wichtig, wenn beide Augen eine deutlich unterschiedliche Sehkraft haben.

Die meisten Kinder mit einer Sehschwäche gewöhnen sich rasch an die neue Brille, weil sie merken, dass sie mit ihr viel besser sehen können. Verordnet der Augenarzt die Sehhilfe noch im Kindergartenalter, stehen die Chancen gut, eine lebenslange Sehschwäche oder ein Schielen zu vermeiden.

 

Die Kurzsichtigkeit beim Kind (Myopie)

Eine weitere häufige Sehschwäche bei Kindern ist die Kurzsichtigkeit. Hier sieht Dein Kind alles in der Nähe scharf, kann in der Ferne aber nur unscharf sehen, wenn es betroffen ist. Kurzsichtigkeit ist erblich. Häufig entwickelt sich die Sehschwäche erst im Grundschulalter und fällt durch Kopfschmerzen oder Leistungsabfall auf. Da der Augapfel bei einer Myopie zu lang ist, können im späteren Leben Folgeerkrankungen auftreten. Das Risiko für Netzhautablösungen, eine Makuladegeneration oder den Grünen Star wächst mit der Ausprägung der Kurzsichtigkeit ab circa sechs Dioptrien.

 

Wie der Augenarzt eine Kurzsichtigkeit beim Kind behandeln kann

Ist Dein Kind kurzsichtig, wird ihm der Augenarzt eine Brille verordnen. Je nach Alter des Patienten kommen auch Kontaktlinsen in Frage. Regelmäßige augenärztliche Kontrollen sind sehr wichtig, um Folgeerkrankungen rechtzeitig zu bemerken. Besonders wichtig ist das Tragen der Brille auch im Straßenverkehr. Achte darauf, wie Dein Kind mit und ohne Brille auf der Straße zurechtkommt.

 

Die Hornhautverkrümmung beim Kind (Astigmatismus)

Die durchsichtige Hornhaut überzieht das Auge von vorne. Hat sie einen Knick oder eine andere Unebenheit, sieht Dein Kind einen Punkt nicht mehr als Punkt, sondern als Strich. Das ganze Bild wird unscharf. Eine sogenannte Hornhautverkrümmung, auch als Stabsichtigkeit oder Astigmatismus bezeichnet, ist angeboren und vererblich. Das Gehirn gleicht bei Kindern viel aus, daher fällt eine mäßige Hornhautverkrümmung meist nicht auf. Eine Vorsorgeuntersuchung beim Augenarzt ist hier besonders wichtig. Besonders, wenn bei Dir oder der Mutter Deines Kindes ein Astigmatismus vorliegt.

 

Wie der Augenarzt eine Hornhautverkrümmung behandeln kann

Eine Brille ermöglicht Kindern mit einem Astigmatismus, ihre normale Sehkraft zu entwickeln. Je früher die Sehschwäche bei Kindern ausgeglichen wird, desto besser. Viele betroffene Kinder sehen einen deutlichen Unterschied durch die Therapie und tragen ihre Brille gerne.

 

Das Schielen bei Kindern (Strabismus)

Ist Dir aufgefallen, dass ein Auge Deines Kindes häufig nicht parallel zum anderen Auge steht? Die Abweichung kann nach Innen oder nach Außen gehen. Eventuell sind sogar beide Augen betroffen. Der Augenarzt spricht von Schielen. Bei vielen Kleinkindern ist der Schielwinkel so gering, dass das Problem erst bei einer augenärztlichen Untersuchung auffällt. Dahingegen kann auf Fotos ein sogenanntes Pseudoschielen auftreten, das mit dem Augenabstand und der Nasenform zu tun hat.

In jedem Fall bringt ein Besuch beim Augenarzt Klarheit. Ursachen für das Schielen können Probleme der Augenmuskeln, eine starke Weitsichtigkeit oder eine starke Differenz der Sehkraft beider Augen sein. Auch die Vererbung spielt beim Schielen eine Rolle. Schielende Kinder beklagen sich selten über Doppelbilder, da das Gehirn das schielende Auge quasi abschaltet. So kann eine Schwachsichtigkeit (Amblyopie) entstehen.

 

Wie der Augenarzt das Schielen behandeln kann

Schielen ist eine häufige Sehschwäche bei Kindern und sollte möglichst früh behandelt werden. Am besten bereits vor dem dritten Geburtstag Deines Kindes. So bestehen die besten Chancen, dass Dein Kind später eine normale Sehschärfe und ein dreidimensionales Sehen erreicht. Der Augenarzt kann eine Brille und die sogenannte Okklusionstherapie einsetzen, um Deinem Kind zu helfen. Dabei deckst Du zu Hause das bessere Auge mit einem Pflaster ab, um das schwache Auge zu trainieren.

Die Behandlung wird ganz genau an die Bedürfnisse Deines Kindes angepasst. Zusammen mit Eurem Augenarzt und Eurem Orthoptisten stellt Ihr einen Zeitplan auf. Spezielle Sensoren an der Brille oder am Pflaster helfen dabei, die tatsächliche Behandlungszeit zu registrieren. So kann der Therapeut die Behandlung optimal steuern und Dein Kind sieht selbst den Zusammenhang von Abdeckzeit und Erfolg der Therapie. Bunte Augenpflaster mit verschiedenen beliebten Motiven erleichtern den kleinen Patienten die anstrengende Zeit.

Eventuell kommt auch eine Operation in Frage, um ungleiche Muskelkräfte, die auf den Augapfel wirken, anzupassen. Keine Sorge, es handelt sich hier um einen sehr kleinen Eingriff, der Dein Kind nicht weiter beeinträchtigen wird.

 

Mir ist aufgefallen, dass mein Kind nicht richtig sieht. Wie kann ich eine Sehschwäche bei Kindern erkennen?

Symptome und Wann zum Augenarzt?

Es ist Zeit für einen Besuch beim Augenarzt, wenn Dir folgende Symptome auffallen:

  •  Augenzittern
  •  graue oder weiße Pupillen
  •  eine trüb erscheinende Hornhaut
  •  Lichtscheu
  •  ein hängendes Augenlid
  •  eine gerötete Bindehaut

 

Auch schnelles Ermüden beim Malen und Lesen, Störungen der Balance oder übermäßige Tollpatschigkeit kann ein Anzeichen für eine Sehschwäche bei Kindern sein. Im Zweifelsfall stell Dein Kind lieber einmal zu viel beim Augenarzt vor.

 

Welche Folgeerkrankungen kann eine unbehandelte Sehschwäche bei meinem Kind haben?

Eine Sehschwäche bei Kindern kann Folgeschäden nach sich ziehen, wenn eine notwendige Behandlung zu spät oder gar nicht erfolgt. Zum Beispiel besteht die Gefahr, dass die volle Sehschärfe im Erwachsenenalter nicht erreicht werden kann. Ist ein Auge deutlich mehr von der Sehschwäche betroffen als das andere, kann es zu einer Schwachsichtigkeit (Amblyopie) kommen. Dein Kind kann eventuell kein dreidimensionales Sehen entwickeln.

 

Was macht der Augenarzt, wenn bei meinem Kind eine Sehschwäche vorliegt?

Eine erste gründliche augenärztliche Untersuchung wird von einem Orthoptisten (Fachkraft für Vermessung und Behandlung der Sehschärfe) und einem Augenarzt gemeinsam durchgeführt. Im Verlauf wird der Untersucher Deinem Kind Augentropfen verabreichen, um die Pupillen zu erweitern und den Augenmuskel zu lähmen, der für das Scharfstellen verantwortlich ist. So kann der Augenarzt den Augenhintergrund mit der Netzhaut auf Krankheiten untersuchen. Der Orthoptist bestimmt die eigentliche Sehschärfe der Augen, ohne Verfälschung durch übermäßige Anstrengung der Augenmuskulatur. Liegt bei Deinem Kind nun eine Sehschwäche vor, erhaltet Ihr direkt eine Verordnung für eine Brille oder für eine andere notwendige Behandlung.

 

Ein paar Tipps zu Sehschwäche bei Kindern zum Schluss

Viele Eltern haben ein mulmiges Gefühl, wenn ihr Kind eine Brille bekommt. Mach Dir da nicht zu viele Sorgen. Lass Dein Kind seine neue Brille beim Optiker möglichst selbst aussuchen. Ein buntes Etui begeistert viele kleine Brillenträger zusätzlich. Setze Deine Tochter oder Deinen Sohn nicht unter Druck, wenn die Brille anfangs eher unregelmäßig getragen wird. Halte sie einfach kommentarlos immer wieder hin, bis das Brilletragen gar kein Thema mehr ist. Als kleine Unterstützung gibt es viele tolle Bücher zum Thema, die Ihr Euch gemeinsam ansehen könnt. Schau doch mal in der Bücherei oder der Buchhandlung, was Dein Kind interessieren könnte. Eine Ersatzbrille rettet die Situation, wenn mal ein Unfall passiert oder wenn die Alltagsbrille wie vom Erdboden verschluckt ist.

Quellen und Literatur:

  •  Leitlinien des Berufsverbandes der Augenärzte Deutschlands e.V. und der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft, Stand vom 31.01.2018
  •  Katharina Mendius, Susanne Schuett, Siegfried Priglinger; Sehstörungen bei Kindern: Visuoperzeptive und visuokognitive Störungen bei Kindern mit CVI; Springer Verlag; Heidelberg 2012
  •  Anselm Kampik, Augenärztliche Diagnostik: 7 Tabellen, Georg Thieme Verlag, Stuttgart 2003