Werden Kinder durch das Tragen verwöhnt?

142

Vatersein: Du darfst Dein Kind gern tragen!

Ist es Dir schon mal passiert, dass die Großeltern zu Besuch waren und über ihr Enkelkind im Tragetuch nur den Kopf geschüttelt haben? Kinder so zu tragen, verwöhnt die Kleinen nur, werfen sie Dir dann vor? Solche und ähnliche Szenen spielen sich bei vielen Familien ab und führen zu regelrechten Generationskonflikten. Welches Erziehungsmodell hat Recht?

Kinder durch das Tragen verwöhnt
Kinder durch Tragen verwöhnen, geht das? Copyright: galitskaya bigstockphoto

Kinder werden durch das Tragen nicht verwöhnt

Um einen Menschen zu verwöhnen, lässt man ihm mehr Fürsorge zu Teil werden als er im Moment für ein gesundes Leben benötigt. Das wäre eine einfache Definition des Wortes Verwöhnen.

Man kann diese Definition auch erweitern und sagen, dass beim Verwöhnen dem anderen jeder Wunsch quasi von den Lippen abgelesen und sofort umgesetzt wird. Das Gegenüber bekommt auch unverdient seinen Willen.

Doch wenn man diese Begriffserklärungen von Verwöhnen ansetzt, muss man auch festhalten, dass man Babys und Kleinkinder gar nicht verwöhnen kann!

Neugeborene Menschenkinder zählen aus Sicht der Biologie zu den Traglingen. Anders als viele Tierbabys sind sie nach der Geburt vollständig hilflos. Wo Rehkitze zeitnah das Aufstehen üben, können Menschenbabys ihren Körper noch nicht einmal aufsetzen. Sie sind noch viel weniger in der Lage, allein Nahrung zu finden und suchen Körperwärme, um sich sicher zu fühlen.

Das sind Grundbedürfnisse, die Eltern abdecken. Mit Verwöhnen hat dies nichts zu tun.

Kinder tragen – Das Wichtigste im Überblick

  • Tragen ist ein elementares Grundbedürfnis aller Menschenkinder
  • Kinder zu tragen, verwöhnt sie daher nicht
  • das tragen verwöhnt, stammt noch aus dem Erziehungsmodell der Nazi-Zeit
  • Kinder profitieren vielmehr vom körperlichen und seelischen Schutz des Tragens
  • Tragen fördert sogar die pro-soziale Entwicklung

Kinder werden Dir nicht auf der Nase herumtanzen

Das liebste „Argument“, das Menschen gern nutzen, wenn Sie erklären möchten, warum Kinder durch Tragen verwöhnt werden: Die Kleinen lernen, dass Du damit manipulierbar bist. Babys schreien sofort, um getragen zu werden und ältere Kinder schreien, sobald ihnen irgendetwas nicht passt.

Diese Ansicht ist jedoch faktisch falsch, denn die Jüngsten sind kognitiv noch gar nicht in der Lage, eine solche Verkettung herzustellen. Sie schreien nicht mit dem Gedanken, jetzt beachtet werden zu wollen, sondern sie schreien aus reiner Angst. Es ist ein Instinkt des Schutzbedürftigen, damit seine soziale Gruppe auf ihn reagiert.

Darum werden auch Kinder durch das Tragen nicht verwöhnt, sondern erfahren die Sicherheit, die sie für ein gesundes Heranwachsen benötigen!

Tragen stärkt das spätere Sozialleben

Erlebt ein Baby oder Kleinkind Hunger, Schmerz oder Angst, muss es schreien, um die Bezugsperson auf seine Grundbedürfnisse aufmerksam zu machen. Durch das Hochnehmen und Tragen wird Vertrauen aufgebaut und gestärkt. Das Kind lernt, dass es Schutz in seiner Gruppe erfährt.

Genau dieses Urvertrauen wird beschädigt, wenn man glaubt, dass Kinder durch Tragen nur verwöhnt werden und sie daher öfter unbeachtet schreien lässt. Ein Kind kann nicht verstehen, weshalb sein Hilferuf missachtet wird. Das baut zum einen für die unmittelbare Gegenwart noch mehr Angst auf, zum anderen wird dem Kind aber auch über die Monate und Jahre vermittelt, dass es seinem sozialen Umfeld nicht mit Urvertrauen begegnen kann.

Das bedeutet:

  1. Kinder werden durch tragen nicht verwöhnt, sondern lernen ein pro-soziales Verhalten.
  2. Sie müssen in jüngsten Jahren weniger Stress erfahren, was wiederum der Gehirnentwicklung zugute kommt.

Gibt es Studien zum Thema?

Es gibt auch eine Reihe von wissenschaftlichen Untersuchungen, die sich in den letzten Jahrzehnten damit beschäftigt haben, ob man Kinder durch das Tragen verwöhnt. Sie sind sich einig, dass ein Nein die richtige Antwort ist. Eine kleine Übersicht hierzu:

1. 1995 ermittelte eine Studie aus Großbritannien, dass Kinder insgesamt weniger schreien, wenn ihre Eltern auf das Schreien schnell reagieren und sie durch Tragen, Füttern etc. beruhigen. Es stimmt also nicht, dass sie das Schreien als Manipulation erlernen und häufiger benutzen, um stets ihren Willen zu bekommen.

2. Eine andere US-Studie aus dem Jahr 1995 zeigte, dass Kinder mit einem Lebensjahr bessere Sozialkompetenzen zeigen, wenn die Eltern es ab der Geburt bei Angst immer zeitnah in den Arm nahmen.

3. Untersuchungen belegten auch, dass ignorierte Babys zwar mit der Zeit aus Erschöpfung das Schreien beenden, ihr ganzer Körper aber enorm auf Stress eingestellt ist. Passend dazu fanden Forscher an der University of Notre Dame 2016 heraus, dass Kinder durch das Tragen nicht verwöhnt wurden, sondern vielmehr beim Schreien allein gelassene Kinder überdurchschnittlich häufig zu gestressten Erwachsenen heranwuchsen.

Woher kommt das Erziehungsbild der Großeltern?

Doch wenn so vieles dafür spricht, dass Kinder durch das Tragen nicht verwöhnt werden, woher kommt die feste Überzeugung der heutigen Großelterngeneration, dass das Gegenteil der Fall ist? Sie wollen dem Kind doch auch nichts Böses, sondern nur auf dem Weg zum Erwachsenen unterstützen.

Die veralteten Erziehungsansichten gehen auf den Anfang des 20. Jahrhunderts zurück. Bereits in den Jahren rund um den 1. Weltkrieg und spätestens unter dem Regime der Nationalsozialisten galt es als Erziehungsideal, wenn Kinder eine strenge Hand erfuhren.

Mit strenger Hand sind nicht nur Prügel gemeint, sondern ein insgesamt strenger Stil, der nicht zu viele Gefühle zeigte. Statt Babys beim Schreien sofort zu umsorgen, rieten sogar die damaligen Kinderärzte, die Kleinen ruhig etwas Schreien zu lassen. Das würde sie stärker machen.

Die harten Erziehungsmaßnahmen waren vor allem in einem Buch gesammelt: „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“. Darin wurde unter anderem geraten, Kinder nachts in ihr Zimmer zu sperren, auch bei starkem Schreien und Weinen. Das würde sie abhärten und lehren, Regeln zu befolgen. Im Dritten Reich wollte man bereits die Jüngsten auf Stärke und Selbstaufgabe für das Vaterland prägen. Kinder werden durch das Tragen nur verwöhnt und wachsen nicht zu unerschrockenen Soldaten und fügsamen Frauen heran, hieß es daher.

Dieser Ratgeber von Johanna Haarer galt noch bis 1987 als zuverlässiger Buchtipp und wurde von Kinderärzten empfohlen. Daher ist es kein Wunder, dass Deine Eltern oder Großeltern noch ganz andere Erziehungsempfehlungen im Kopf haben und diese nicht böse meinen, sondern ehrlich für richtig halten.

Auch wenn es anstrengende Gespräche mit den Großeltern sind und sie Dich als Papa auch verunsichern: Kinder werden durch das Tragen nicht verwöhnt!