Hochsensibel: Euer Kind ist Feinfühlig

Eltern reagieren erstaunt, wenn von Ärzten oder Therapeuten die Diagnose „Hochsensibilität“ bei ihren Kind gestellt wird. Das Phänomen ist an sich selten bekannt. In vielen Fällen wird von einer psychischen Störung ausgegangen. Doch genau das liegt dabei nicht vor. Ist ein Kind hochsensibel, dann handelt es sich um ein Persönlichkeitsmerkmal und nicht um eine Krankheit. Allerdings kann Hochsensibilität in den Genen liegen. Wir zeigen wie ihr Euch als Eltern verhalten könnt wenn ihr vermutet das euer Kind hochsensibel ist.

Hochsensible Kinder
Hochsensible Kinder, Copyright: EvgeniiAnd, bigstockphoto

Ein häufig gehörter und liebevoll formulierter Satz unter Erwachsenen ist: „Das ist eben ein Sensibelchen.“ Gerne wird dieser Ausdruck verwendet, wenn ein Kind schneller in Tränen ausbricht oder sich ganz einfach zurückzieht, wenn Gleichaltrige laut tobend durch den Garten ziehen. Obwohl die Worte gebräuchlich sind, wird nie nach dem tieferen Sinn gefragt. Dann letztendlich werden Sprösslinge, die solches Verhalten aufweisen, in Fachkreisen als hochsensibel bezeichnet.

Hochsensibel – Euer Kind ist damit nicht alleine

Tröstlich ist, dass dein Sprössling mit der Hochsensibilität in bester Gesellschaft ist. Denn tatsächlich weisen mindestens 15 % aller Kinder dieses Persönlichkeitsmerkmal auf. Vermutlich liegt die Zahl höher, doch viele Eltern sehen keinen Grund, wegen der vorliegenden Verhaltensweisen einen Arzt oder Therapeuten aufzusuchen. Dabei kann es dir helfen, deinen Nachwuchs besser zu verstehen. Denn nicht immer ist es einfach zu erkennen, dass ungewohnte Situationen für ein Kind stressbeladen sind. Es gilt außerdem viele weitere Merkmale zu erkennen, die von einer Person zur nächsten absolut unterschiedlich sein können.

Woran erkennt man hochsensible Kinder?

Die Merkmale für Hochsensibilität sind so vielfältig wie die Charakterzüge aller Menschen. Zunächst fällte bereits bei Säuglingen eine gewisse Unruhe auf, wenn sie sich durch visuelle oder auditive Einflüsse überreizt fühlen. Das geschieht für gewöhnlich schneller als bei anderen Säuglingen. Das kleine Wesen wird quengelig und schreit. Ansonsten ist es überaus aufmerksam, erkundet die Umgebung mit den Augen sehr genau und erforscht mit einer hohen Hingebungskraft Gegenstände in seiner Nähe.

Als Kleinkind ist ein hochsensibles Baby allerdings zurückhaltender als Gleichaltrige. Es unternimmt keine waghalsigen Erkundungstouren und bleibt lieber in der gewohnten Umgebung. Es lernt langsamer zu laufen als seine Altersgenossen und hängt auffällig stark an Mutter oder Vater.

Mit dem Kindergarten tun sich Kinder mit dem Persönlichkeitsmerkmal Hochsensibilität schwer, sich einzugewöhnen. Der Abschied von den Eltern fällt schwer, und in der Gruppe positionieren sich solche Kinder erst einmal abseits, um sich alles ganz genau anzusehen. Freundschaften schließt es erst spät und dann auch nur mit ruhigen Kindern. Die Rabauken ignoriert es gekonnt. Steht die Einschulung bevor, wirkt das Kind gestresst, manchmal sogar aggressiv. Es leidet dann unter Schlafstörungen und zieht sich manchmal selbst vor den Eltern zurück.

Überreizung hemmt Entscheidungskraft

Die Problematik liegt auf der Hand. Mit ungewohnten Situationen kann ein Kind, das hochsensibel ist, nur schwer umgehen. Es verursacht ihm Stress und setzt es unter Druck. In diesem Zustand fällt es ihm schwer, sich zu konzentrieren. Das äußert sich beispielsweise beim Kauf von Schuhen. Werden dem Kind zu viele Paare gezeigt, die zudem alle unterschiedlich in Farbe und Schnitt sind, bereitet ihm das große Probleme, sich zu entscheiden. Befinden sich zur gleichen Zeit viele Menschen im Geschäft, wird es versuchen, diesen Einkauf sofort abzubrechen. Es wird quengeln, jeder Schuh wird drücken, oder es beginnt zu weinen. Es ist also ratsam, bereits zu Hause eine Vorauswahl zu treffen. Auch ist der Besuch eines Ladens zu den Hauptgeschäftszeiten nur wenig ratsam.

Ab wann ist das Kind hochsensibel?

Um eine Hochsensibilität zweifelsfrei feststellen zu können, greifen Therapeuten gerne auf einfache Tests zurück. So gibt es spezielle Fragebögen, die von den Kindern mithilfe der Eltern ausgefüllt werden müssen. Es muss eine bestimmte Anzahl von Wesenszügen und Charaktereigenschaften vorhanden sein, um das Persönlichkeitsmerkmal als Auslöser für das Verhalten des Kindes verantwortlich zu machen. Folgende Punkte können abgefragt werden:

  • Ist das Kind sehr schreckhaft?
  • Ist das Kind geruchsempfindlich?
  • Stellt das Kind außergewöhnlich viele Fragen?
  • Ist das Kind lärmempfindlich?
  • Ist das Kind perfektionistisch veranlagt?
  • Ist das Kind schmerzempfindlich?
  • Kann das Kind beispielsweise Nähte von oder Etiketten an Kleidungsstücken nicht ertragen?
  • Kann das Kind Veränderungen, zum Beispiel neue Haarfrisuren, schnell erkennen?
  • Hat das Kind einen sehr gehobenen Wortschatz, der weit über dem von Gleichaltrigen liegt?

Solche und andere Fragen helfen den Therapeuten dabei herauszufinden, ob eine hochsensible Persönlichkeit vorliegt. Es sollte bei der Beantwortung nichts geschönt oder verniedlicht werden. Immerhin handelt es sich nicht um eine Krankheit, die festgestellt werden soll, sondern darum, dem Kind mit der Verarbeitung von Erlebtem zu helfen.

Wie können Eltern ihren hochsensiblen Kindern helfen?

Wenn dein Kind hochsensibel ist, dann kennst du bereits bestimmte Verhaltensmuster in seinem Alltag. Du weißt, dass es sich bei neuen Begegnungen eher im Hintergrund hält. Ebenso braucht es genügend Zeit, um sich an Veränderungen zu gewöhnen. Am wichtigsten jedoch ist es, dass du es deinem Kind erlaubst, sich bei Bedarf zurückzuziehen. Es braucht einen ruhigen und neutralen Rückzugsort. Vorzugsweise ist das sein Zimmer. Lasse deinen Sprössling für einen ausreichenden Zeitraum allein, oder warte gar bis es von allein auf dich zukommt. Du kannst dann sanft hinterfragen, was ihm zu schaffen macht, und eventuell Dinge und Vorgänge erklären, die das Kind gerade beschäftigen.

Gute Hilfe für ein Kind, das als hochsensibel eingestuft wurde, bekommst du von einem Therapeuten. Dieser kann im Detail erklären, was dein Kind braucht, aber auch, wo seine Stärken und Talente liegen. Zu guter Letzt gibt es Selbsthilfegruppen, die sich genau diesem Thema widmen. Hier hast du die Gelegenheit, dich mit anderen Eltern auszutauschen. Gleichzeitig lernt dein Kind andere Kids kennen, die ähnliche Persönlichkeitsmerkmale aufweisen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass hier gute Freundschaften fürs Leben geschlossen werden, von denen alle Betroffenen profitieren. Denn auch für dein Kind ist es beruhigend zu wissen, dass es nicht das einzige „Sensibelchen“ auf der Welt ist.

Ansprechpartner für Eltern: